Multireligiöses Friedensgebet

Albert Darboven lädt jedes Jahr gemeinsam mit den beteiligten Geistlichen zum Multireligiösen Friedensgebet auf dem Gestüt IDEE in Hamburg. Bereits seit acht Jahren setzt diese Veranstaltung ein starkes Zeichen für den Frieden. Beim Multireligiösen Friedensgebet kommen Vertreter der Weltreligionen zusammen. Waren beim ersten Friedensgebet noch die christlichen Religionen unter sich, kamen shiitische und sunnitische Muslime sowie jüdische und buddistische Geistliche hinzu.

Das gemeinsame Beten soll Verständnis und Wissen vermitteln und einen Austausch ermöglichen, um den Krieg der Kulturen und Religionen zu überwinden. Frieden ist Grundvoraussetzung für alle Menschen und kann nur gemeinsam von uns allen erschaffen werden. Insbesondere in der heutigen Zeit, wo Menschen aus anderen Kulturkreisen in Deutschland Schutz suchen, ist das Kennenlernen elementar.

Das Multireligiöse Friedensgebet ist für alle Interessierten offen. Nach dem gemeinsamen Gebet lädt Albert Darboven alle Gäste zu Kaffee und Kuchen ein. Das ist die Gelegenheit für alle Teilnehmer, friedensstiftende Gespräche zu führen.

Auf Wunsch zahlreicher Gäste stellen wir in diesem Jahr die Wortbeiträge der Redner zur Nachlese zur Verfügung. Bitte klicken Sie auf die Überschriften, um den zugehörigen Wortbeitrag auszuklappen.

„Weltweit wird mehr Geld verwendet, um Leben zu vernichten als investiert wird, um Leben zu erhalten. Damit das nicht so bleibt, habe ich den J.J.Darboven Stiftungsfonds ‘Friede der Religionen‘ errichtet.“
Albert Darboven

Multireligiöses Friedensgebet

„Weltweit wird mehr Geld verwendet, um Leben zu vernichten als investiert wird, um Leben zu erhalten. Damit das nicht so bleibt, habe ich den J.J.Darboven Stiftungsfonds ‘Friede der Religionen‘ errichtet.“
Albert Darboven

Albert Darboven lädt jedes Jahr gemeinsam mit den beteiligten Geistlichen zum Multireligiösen Friedensgebet auf dem Gestüt IDEE in Hamburg. Bereits seit fünf Jahren setzt diese Veranstaltung ein starkes Zeichen für den Frieden. Beim Multireligiösen Friedensgebet kommen Vertreter der Weltreligionen zusammen. Waren beim ersten Friedensgebet noch die christlichen Religionen unter sich, kamen shiitische und sunnitische Muslime sowie jüdische und buddistische Geistliche hinzu.

Das gemeinsame Beten soll Verständnis und Wissen vermitteln und einen Austausch ermöglichen, um den Krieg der Kulturen und Religionen zu überwinden. Frieden ist Grundvoraussetzung für alle Menschen und kann nur gemeinsam von uns allen erschaffen werden. Insbesondere in der heutigen Zeit, wo Menschen aus anderen Kulturkreisen in Deutschland Schutz suchen, ist das Kennenlernen elementar.

Das Multireligiöse Friedensgebet ist für alle Interessierten offen. Nach dem gemeinsamen Gebet lädt Albert Darboven alle Gäste zu Kaffee und Kuchen ein. Das ist die Gelegenheit für alle Teilnehmer, friedensstiftende Gespräche zu führen.

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Als ich in den 90ern für ein Jahr in Köln lebte, erfuhr ich, dass früher im Rheinland (und das ging bis in die 60er Jahre hinein) viele Schulhöfe in evangelische und katholische Bereiche unterteilt waren, gerade nach dem Krieg als evangelische und katholischen Schule wegen der Zerstörungen zusammenrücken und sich Gebäude und so auch Schulhöfe teilen mussten. Ein gepinselter Strich auf dem Asphalt, auf dem Pflaster trennte die Kinder voneinander; miteinander spielen war verboten und unterrichtet wurde natürlich sowieso getrennt. Dass diese Trennung provozierte und Unfrieden gab, kann man sich vorstellen, „da flog auch schon mal ein Stein von hüben nach drüben“ erzählte mein alter Nachbar, „denn das waren ja die anderen“. Die, vor denen die Eltern warnten.

So war und so ist es, im Kleinen und im Großen, auf dem Schulhof in Köln-Nippes, und in Kriegen und Konflikten, seit alters her bis heute, in vielen Teilen der Welt: in Nigeria, im Irak, aktuell im Kaschmir und Assam, hoffentlich nicht bald wieder in Nordirland. Und auch auf unseren Straßen, wenn ich an antimuslimische und antisemitische Angriffe denke. Menschen haben immer wieder Religion dazu benutzt, ja missbraucht, um einander auszugrenzen, sich gegenseitig herabzusetzen und sich über den anderen zu erheben. Gegen dieses Gift, das wissen wir, hilft nur Begegnung – ein Einander-Kennenlernen als Gegen-Gift, als Basis für gegenseitigen Respekt, die Voraussetzung für den Frieden der Menschen.

Deshalb sind wir heute hier, weil wir Verständnis, Begegnung, Respekt ermöglichen wollen. Aber da geht noch mehr. Bzw. geht es nicht nur darum, Religion nicht zu missbrauchen, sondern es geht, positiv gesprochen, darum, die gute Kraft, die in den Religionen steckt, für den Frieden zu nutzen. In unseren Religionen und ich glaube, das ist die gemeinsame Überzeugung an diesem Tag, steckt ein Potenzial, das den Frieden auf der Welt fördern kann. Unsere Religionen sind Friedensstifterinnen, wenn wir sie recht verstehen, Agenturen für ein gutes Zusammenleben. Unser Glaube, so verschieden er ist, ist eine Kraft, die nicht nur dem Einzelnen, sondern auch der Welt, dem Weltfrieden guttun kann.

Meine lieben Damen und lieben Herren, die Fragen, die wir heute den sechs Geistlichen angesichts der Leiderfahrungen von Kriegen und Gewaltherrschaft, von Ausgrenzung und Diskriminierung stellen, sind also in etwa folgende: Wie kann uns unser Glaube zum Frieden führen? Welche Traditionen, welche Vorbilder gibt es in unseren Glaubensgemeinschaften, die uns helfen friedlich miteinander zu leben? Welche Verantwortung für den Frieden übernimmt die Religion in der Öffentlichkeit? Konkret: Inwiefern können Sie als Geistliche Ihrer Religion öffentlich für den Frieden eintreten? Und wir fragen uns: Was können wir als Christen, katholisch und evangelisch, als Muslime, sunnitisch und schiitisch, als Juden und Buddhisten tun, um an unseren Orten, nach unseren Kräften zum Frieden beizutragen?

Mit diesen Fragen sind wir hier. Aber eben auch mit Glaube und Liebe und Hoffnung.

Ich bin sehr dankbar, dass ich auch in diesem Jahr wieder hier sein darf; es ist eine große Ehre, zu Ihnen sprechen zu dürfen! Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie in meinem kurzen Beitrag einen Gedanken finden, den Sie gerne „mit nach Hause nehmen“.  Heute vor 80 Jahren begann der Zweite Weltkrieg, eines der finstersten Kapitel der menschlichen Geschichte. Ich habe den Schrecken dieser Zeit nicht selbst erleben müssen … aber was mich erschrickt, ist, dass heute die Menschheit als Ganzes wieder vor existentiellen Fragen steht, und statt gemeinsam nach Lösungen zu suchen, längst besiegt geglaubte Dämonen von falschem Stolz und blindem Hass, von Rassismus und Narzissmus wieder Macht ergreifen über die Herzen der Menschen.

Was kann und soll die Bedeutung von Glaube und Religion in der heutigen Welt sein? Gestatten Sie mir einen kurzen Ausflug in die Geschichte: Vor 500 Jahren entdeckten Nikolaus Kopernikus und Galileo Galilei, dass nicht die Erde – und damit vielleicht auch nicht der Mensch – im Zentrum des Universums steht. Das war eine tiefe Erschütterung eines Jahrtausende-alten religiösen Weltbildes – und es war die Geburtsstunde der modernen Philosophie und Wissenschaft, die den Religionen erst die Kompetenz über die Geheimnisse der Natur und der Schöpfung entrissen … und schließlich für sich in Anspruch nahmen, alle Wahrheiten dieser Welt und sogar des Lebens selbst besitzen zu können. Und so scheint es heute es, als haben Religion und Glaube ihre Daseinsberechtigung ganz verloren. Doch nun sind wir gefangen in einem Labyrinth aus „immer mehr wissen wollen“ und doch „nichts begreifen können“, verlorengegangen im Irrglauben, dass alles, was Logik und Verstand nicht erfassen können, auch nicht existieren kann … dass alles, was man nicht messen oder besitzen kann, auch ohne Wert und Bedeutung ist. Der Nobelpreisträger Werner Heisenberg sagte einmal: „Der erste Schluck aus dem Glas der modernen Wissenschaft verwandelt dich in einen Atheisten … aber ganz unten im Glas wartet Gott auf dich.“

Natürlich sind die Fortschritte, die durch menschliches Wissen und Können gemacht wurden, atemberaubend: Wir schauen in das Innere von Atomen, reisen zum Mond und erschaffen künstliche Intelligenz … und ja … moderne Medizin ist ein Segen … und Kühlschränke sind es auch. Doch gibt all unser sogenannter Fortschritt eine Antwort auf die Frage, welchen Sinn wir unserem Dasein geben können und wie wir in Frieden zusammenleben können? Es scheint, als seien diese wirklich entscheidenden Fragen ein größeres Mysterium als jemals zuvor. Die Krisen der Menschheit sind – so glaube ich – keine wirtschaftlichen oder ökologischen Krisen, sondern – und das gilt sogar für Kriege – in ihrem Kern sind es spirituelle Krisen, Glaubenskrisen, denn ihre gemeinsame Ursache ist die Missachtung der grundlegenden spirituellen Werte dieser Welt: Aufrichtigkeit und Dankbarkeit, Selbstlosigkeit und Nächstenliebe, Bescheidenheit und Achtung vor dem Leben. Wie die Welt wohl aussähe, wenn sich in den vergangenen Jahrhunderten unsere Menschlichkeit nur halb so viel entwickelt hätte, wie unser Wissen? Was, wenn nicht wahre Religion, öffnet unsere Herzen für das wirkliche Wunder unserer Existenz? Was, wenn nicht das Gebet, öffnet uns die Augen für das Wirken des Heiligen in unser aller Leben? Was, wenn nicht der Glaube, schenkt uns die Weisheit, mit der wir in den schweren Stunden unseres Lebens eine tiefe Bedeutung finden? Was, wenn nicht das Vorbild heiliger Menschen, lässt uns erkennen, dass „Menschsein“ kein „biologisches Privileg“ ist, sondern ein Geschenk, dem wir uns würdig erweisen müssen durch mitfühlende Achtsamkeit gegenüber uns selbst und dieser Welt? Auch von diesen Fragen handeln seit 2.500 Jahren die Lehren des Buddha. Ich darf ihnen versichern, dass deren Weisheit ebenso erstaunlich ist wie all unsere moderne Technologie.

Noch ein Gedanke: Achtzig Jahre seit Beginn des Zweiten Weltkriegs … gibt es wirklich nur diese Seite der Geschichte der Menschheit? Eine Geschichte von Macht und Ohnmacht … eine Geschichte, die mit Tränen geschrieben wurde?
Ich bin fest davon überzeugt, dass die wahre Geschichte der Menschheit – viel mehr als wir uns vorstellen können – auch von all den zahllosen Menschen geschrieben wurde, die sich zu allen Zeiten im Kleinen und im Verborgenen um Güte und Wahrhaftigkeit bemüht haben. All ihre unendlich vielen unsichtbaren Taten voller Selbstlosigkeit, Mut, Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit wurden niemals aufgeschrieben, scheinen längst vergessen, haben keinen Gedenktag … aber sie sind es, die all das Gute um uns herum erschaffen haben – unsere lebenswerte Gegenwart. Der Philosoph Emmanuel Levinas nannte dies die „Heilige Geschichte der Menschheit“. Wir alle dürfen durch unseren kleinen und kleinsten Beitrag ein Teil dieser „Heiligen Geschichte der Menschheit“ sein – Christen als Christen, Juden als Juden, Moslems als Moslems, Buddhisten als Buddhisten … und wir alle gemeinsam als Menschen! Es ist unsere eigene Entscheidung.

Bitte erlauben Sie mir, mit einer Anekdote aus der Zeit des historischen Buddha Shakyamuni zu schließen: Als Buddha bei seiner langen, entbehrungsreichen Suche nach Erleuchtung erkannte, wie schwer es werden würde, die Menschen auf dem Weg zu einem friedlichen Herzen zu führen, wollte er aufgeben und zurückkehren in sein Leben als Adeliger. Sein Weg zurück in den heimatlichen Palast führte ihn entlang eines Sees, wo er ein Eichhörnchen beobachtete, das unermüdlich seinen buschigen Schwanz in das Wasser tauchte und dann am Ufer abschüttelte. Buddha fragte das Eichhörnchen: „Was tust du?“ Das Eichhörnchen erwiderte: „Ich leere den See!“ Buddha lachte: „Aber das kannst du niemals schaffen!“ Das Eichhörnchen aber sprach: „Ein Mensch, der wie du mitten auf dem Weg zur Wahrheit aufgegeben hast, kann niemals verstehen, was ich tue.“ Die Legende erzählt, dass Buddha neuen Mut fasste, umkehrte und schließlich höchste Erleuchtung erlangte. Uns allen, die wir noch nicht gelernt haben, mit Eichhörnchen zu sprechen und von ihrer Weisheit und Entschlossenheit zu lernen, möchte ich gern die Worte des großen buddhistischen Meisters Shinjo ans Herz legen. Folgendes sagte er, als er gefragt wurde, ob er wirklich an eine von Frieden erfüllte Welt glaube: „Es geht nicht allein um die Frage, ob Weltfrieden erreicht wird. Es geht darum, im Hinblick auf dieses große Ziel an sich selbst zu arbeiten und das eigene Ich zu polieren. Solches Bemühen macht unser Leben als Menschen, die sich um spirituelles Erwachen bemühen, wahrhaft bedeutsam.“

Heute vor 80 Jahren begann der zweite Weltkrieg. Die Erinnerung an diesen weckt zweifellos bei jedem Menschen ein unangenehmes Unbehagen aus. Umso wichtiger erscheint es über die Gräuel, Ursachen und die verheerenden Auswirkungen dieses Weltkrieges nachzudenken. Und darüber nachzudenken, wie ein friedliches und glückliches gesellschaftliches Zusammenleben funktionieren kann. Was sind die Voraussetzungen dafür? Welche Hindernisse und Barrieren gibt es? Fragen die es gemeinsam zu stellen und gemeinsam zu beantworten gilt.  Doch heutzutage stirbt die Dialogkultur in unserer Gesellschaft leider immer weiter aus. Dies ist vermutlich auch einer der Gründe dafür, dass Menschen verschiedener Kulturen und Religionen immer weniger Kenntnis voneinander haben und in Folge dessen, dem Anschein nach, kaum mehr Verständnis füreinander besitzen. Ohne richtige Kenntnis vom Anderen und der aufrichtigen Suche nach Verständnis, bleibt das Unbekannte unbekannt, die Distanz zueinander vergrößert sich immer weiter und bildet den Nährboden für Missverständnisse und Misstrauen.
Kontakt und Dialog hingegen bildet die Grundlage um einander kennen zu lernen und erzeugt die Atmosphäre für interreligiöse und interkulturelle Begegnung.

Was bedeutet interreligiöse und interkulturelle Begegnung? Interreligiöse und interkulturelle Begegnung bedeutet, Menschen so wahrzunehmen, wie sie sind, und nicht wie wir sie haben wollen. Interreligiöse und interkulturelle Begegnung bedeutet, dass jeder Mensch mit Würde behandelt werden muss, auch wenn er eine andere Denkweise als ich hat. Interreligiöse und interkulturelle Begegnung bedeutet, dass jeder Mensch heilig ist, unabhängig davon ob er meiner Religion oder überhaupt einer Religion angehört.

Durch einen freundschaftlichen Dialog erhalten wir die Chance unsere Gesellschaft von Missverständnissen zu bereinigen und uns von den Barrieren, welche die Völker voneinander trennen, zu entledigen. Dieser direkte Kontakt zueinander fehlt jedoch leider heutzutage und man verlässt sich immer mehr auf die Berichte und Erlebnisse anderer. Deshalb ist es meiner Auffassung nach heute umso wichtiger, den unmittelbaren Kontakt zu andersdenkenden Menschen aufzubauen, ihn zu pflegen und aufrecht zu erhalten. Für die, welche lieben, gibt es nicht Moslems, Christen, Juden und Buddhisten.
Dies ist ein gutes Beispiel dafür, dass die Essenz des Menschen die Liebe sein muss und nicht Hass und Arroganz. Wenn wir eine friedlichere Welt gestalten möchten, benötigen wir diejenigen, die sich ihren Mitmenschen gegenüber verantwortlich fühlen, solche, die ihre Freude mit anderen teilen und einsichtig sind. Nächstenliebe und Verantwortung sind im Islam untrennbare Bestandteile der Religiosität und zwar in einem Maße, daß niemand sie vernachlässigen oder vergessen darf. Verantwortungsbewusstsein ist demnach nicht nur eine moralische oder religiöse Verpflichtung, sondern es ist ein individuelles und soziales Erfordernis.

Mahatma Gandi sagt: „Eine menschliche Gesellschaft kann es nur geben, wenn diese von den Werten der Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Toleranz und der Nächstenliebe getragen und geordnet wird.“ Also, es gibt keine andere Lösung für den Frieden, als der direkte Kontakt und der aufrichtige Dialog. Und ich finde diese Art Veranstaltungen funktionieren sehr gut und ein deutliches Zeichen dafür ist, dass wir als Vertreter verschiedener Religionen, nicht nur einander verstehen, sondern auch einander lieben und schätzen lernen.
Persische Dichter Hafez sagt: Überall ist das Haus der Liebe, ob Moschee, Kirche oder Synagoge.

Ich danke Herrn und Frau Darboven recht herzlich dafür, dass sie uns die Möglichkeit dieses wunderbaren Dialogs, bei einer Tasse Kaffee ermöglichen!

Aus Glauben zum Frieden – die Religionen in öffentlicher Verantwortung. Römer 12, 18

Liebe Schwestern und Brüder,
immer waren es die Anderen! Wenige Tage nach Beginn des Ersten Weltkriegs stellte sich Hauptpastor Hunzinger auf die Kanzel des Michel, äußerte zunächst seine Erschütterung, dass so etwas wie ein Krieg im 20. Jahrhundert überhaupt noch möglich sei, um dann sofort in nationalistischem Pathos mit dem Finger auf die Anderen zu zeigen, die Deutschland den Krieg aufgezwungen hätten. Ganz ähnlich Adolf Hitler vor dem Reichstag am 1. September 1939: Es waren die Anderen – und nun würde seit dem frühen Morgen „zurückgeschossen“ – und, so fügte der Diktator in bewusster Anlehnung an biblische Überlieferung sinngemäß an, es gelte: Bombe um Bombe, Giftgas um Giftgas. Zwei Tage nach Kriegsbeginn, am Sonntag, dem 3. September 1939, wurde in allen evangelischen Kirchen unserer Stadt und unseres Landes Gottesdienst gefeiert und jede Gemeinde am Ende des Gottesdienstes mit den Worten entlassen: „Gehet hin im Frieden des Herrn“. Nur eine Floskel? Bloßes Ritual?

Auch heute Morgen, am 80. Jahrestag des Kriegsbeginns, wurden unsere Gemeinden wieder mit diesem Ruf in den Alltag und in die Welt gesandt, in der wir alle leben und die wir alle teilen: „Gehet hin im Frieden des Herrn.“
Als vor rund 2000 Jahren der Apostel Paulus einen langen theologischen Brief an die kleine Christengemeinde in der Welthauptstadt Rom schrieb, hat er darin auch über das alltägliche Leben der Gemeinde nachgedacht und einen bemerkenswerten Satz verfasst: „Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“ Und etwas weiter schreibt Paulus: „Wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

Für Christen sind diese Worte Heilige Schrift und somit die Gemeinde, die Kirche eine Gemeinschaft für den Frieden in der Welt und mit der Welt, die die Feindesliebe einschließt und darum von sich aus eigentlich keine Feindschaft zu anderen Menschen kennen sollte. Auch daran will uns der Entlassungsruf am Ende unserer Gottesdienste erinnern, dass jeder von uns, soviel an uns liegt, mit allen Menschen Frieden suche, weil Gott uns seinen Frieden schenkt.
Um Frieden zu beten, weil es so viel Krieg und Unfrieden gibt in unserer Welt, ist ein wichtiger Beitrag der Kirche zum Frieden auf Erden. Meine fromme Großmutter hat mir erzählt, dass sie an jedem Tag des Krieges für sich und vor Gott Martin Luthers Choral gesungen hätte: „Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unsern Zeiten. Es ist doch ja kein anderer nicht, der für uns könnte streiten, denn du, unser Gott, alleine.“ Es war Ausdruck ihres Glaubens und zugleich Bekenntnis ihrer Unfähigkeit, als schwacher Mensch diesem großen Krieg etwas entgegenzusetzen. Darum bat sie den Gott des Friedens um seinen Frieden. Was Paulus mit seinen Worten im Brief an die Gemeinde in Rom getan hat, soll Christenmenschen überall und zu jeder Zeit für das Leben in dieser Welt zu Taten des Friedens ermutigen und dadurch zum Frieden beitragen. Er fängt bei mir an – im Glauben daran, dass Gott ein Gott des Friedens ist, wie er es durch Jesus Christus bezeugt hat; im Glauben daran, dass Gott jeden von uns durch seinen Geist mit diesem Frieden beschenkt und zu diesem Frieden befähigt; und dann in meinem Denken, Reden und Tun.
Jeder einzelne von uns, der sich in der Nachfolge Jesu Christi weiß, und ebenso die Kirche als Ganze muss darum auch verstörend gegenwärtig sein und deutlich die Stimme erheben, wenn Menschen auftreten, die Frieden rufen, aber Spaltung und Hass bringen.  Der Beginn des grauenvollen Vernichtungskrieges vor 80 Jahren und das weitgehende Schweigen der Kirche dazu – sei es aus Angst, sei es möglicherweise auch aus Übereinstimmung mit dem Regime und seiner Ideologie – hat wenige Monate nach dem Krieg bei wichtigen Theologen zu einem Umdenken geführt und zu einem öffentlichen Schuldbekenntnis, in dem es heißt: „Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“

Um die Liebe ging es auch Paulus in seinem Brief an die Römer. Sie ist für ihn der Grund, auf dem der Friede wachsen und blühen kann. Liebe heißt nicht, einfach nur nett zueinander zu sein. Liebe weist uns vielmehr einen moralischen Weg hin zum Urgrund des Guten und des Friedens, also zu Gott.
Aus Liebe Frieden zu halten mit allen Menschen, heißt darum immer auch, uns selbst und diesen Menschen die Güte Gottes zu bezeugen. Das ist gemeint, wenn wir am Ende jedes Gottesdienstes mit den Worten entlassen werden: „Gehet hin im Frieden des Herrn.“ Keine bloße liturgische Floskel, sondern ein hoher, verantwortungsvoller Auftrag – als Kirche und als einzelner Christenmensch für unsere Welt, die sich nach Frieden sehnt.

Amen.

Ich könnte jetzt alle Stellen zitieren, in denen in der jüdischen Bibel der Frieden erwähnt wird. Wäre das hilfreich und sinnvoll? Ich glaube nicht.
Regeln zum Frieden gibt es keine in der Tora, die Kriegsführung hingegen ist gesetzlich sehr geregelt. Ein Angriffskrieg ist verboten, man darf Krieg nur zu Verteidigungszwecken führen. Bei der Belagerung einer Stadt dürfen keine Obstbäume beschädigt oder gar gefällt werden, damit die Bewohner nach dem Krieg wieder die Möglichkeit haben, sich zu versorgen. Bei einer Belagerung muss eine der vier Seiten der Stadtmauer unbelagert bleiben, damit für die Bewohner eine Fluchtmöglichkeit besteht. Soldaten, die gerade geheiratet haben, sind für ein Jahr vom Kriegsdienst befreit. Soldaten, die gerade einen Weinberg gepflanzt haben, aber noch nichts vom Ertrag genossen haben, sind vom Kriegsdienst befreit. Soldaten, die gerade ein Haus gebaut haben und sich noch nicht daran erfreuen konnten, sind vom Kriegsdienst befreit. Jeder, der Angst hatte, war vom Wehrdienst befreit.

All diese Regelungen waren 2000 Jahre lang sehr theoretisch, denn Juden waren nach der Zerstörung des Königreichs bis zur Gründung des modernen Staates Israel eher selten aktive Teilnehmer an kriegerischen Handlungen, haben aber umso öfter unter den schrecklichen Folgen gelitten. Weltweiter Frieden war das entfernte messianische Ziel und nur wenig wurde unternommen, um die Schrecken des Krieges zu zähmen oder ihn in einen theologischen Rahmen zu setzen. Das Buch Prediger Salomos nimmt eher eine praktische als eine idealistische Sichtweise an „es gibt eine Zeit für Krieg und eine Zeit für Frieden“, wobei Frieden hier zuletzt erwähnt wird.“  Der berühmteste, weil jährlich erinnerte, Krieg den wir in der jüdischen Geschichte kennen, ist der Aufstand der Makkabäer gegen die Griechen. Es wurden hierüber sogar zwei ganze biblische Bücher geschrieben. Den Rabbinern war Krieg allerdings kein angenehmes Thema, zumal in der Situation unter römischer Besatzung und Aufsicht zu stehen. Sie verbannten die Bücher aus dem Kanon der Heiligen Schrift, einzig der katholischen Kirche verdanken wir ihre Überlieferung als Apokryphen. Das Fest, das jährlich der Makkabäer gedenkt, ist Chanuka, das Fest der Wiedereinweihung des Tempels. In Deutschland wird es in letzter Zeit verniedlicht „jüdisches Lichterfest“ genannt. Inhaltlich wird ein eher unwichtiges Lichterwunder im Tempel hervorgehoben, der politische Sieg durch den Krieg wird kaum erwähnt.
Ich brauche aber keine religiösen Schriften und Anweisungen, um mich in jedem Fall für den Frieden zu entscheiden. Meine Eltern haben in ihrem Leben in diesem Land keinen Krieg erlebt, ich habe in meinem Leben in diesem Land keinen Krieg erlebt. Meine Kinder haben in diesem Land keinen Krieg erlebt. Dass drei Generationen hintereinander keinen Krieg selbst erlebt haben, ist in diesem Land wohl noch nie vorgekommen. 75 Jahre Frieden am Stück.

Mein Rabbiner Walter Jacob schreibt: „Krieg und Kriegsgrollen sind uns seit Anbeginn der Menschheit bekannt und ein Teil von uns. Sie sind ein ständiger Begleiter der Menschheit und spielen eine wichtige Rolle in der Geschichte des Judentums, des Christentums und des Islam.“  Damit hat er zweifelsohne Recht, aber das muss nicht für die Zukunft gelten. Krieg hilft nicht weiter, niemals. Das müssen wir verstehen. Die Abwesenheit von Krieg ist aber noch nicht ausreichend. Für meine Ordination habe ich mir einen biblischen Spruch als Ordinationsspruch, quasi als Motto, aussuchen sollen. Dieser wurde dann auf den Talit gestickt, den ich trage: Ssur meRa wa’asse tov, bakesch Schalom werodfehu. Weiche vom Bösen und tue Gutes, suche den Frieden und jage ihm nach. (Ps 34:15)

Ich verstehe dies ein wenig als eine Schritt-für-Schritt Anleitung. Halte dich vom Bösen fern. Wenn das klappt, tue Gutes. Suche den Frieden. Und wenn du ihn erspürt hast, musst du dafür arbeiten, dass er erhalten bleibt. Ich hoffe und bete dafür, dass wir dies verstehen. Unbedingt.

Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen, Frieden und Segen seien auf unserem geliebten Propheten Muhammad, seiner edlen Familie und seinen rechtschaffenen Gefährten.

as-salamu ‘alaikum wa rahmatullahi wa barakatuh
Friede sei auf Ihnen sowie Gottes Barmherzigkeit und Sein Segen

Frieden ist selbstverständlich ein zentraler Aspekt der islamischen Lehre, wie wir es etwa an der Grußformel ablesen können, die ich gerade verwendet habe. Auch der Name unserer Religion ist ein Beleg dafür. Islām ist sprachlich von derselben arabischen Wortwurzel wie salām abgeleitet – analog zum hebräischen shalom. Diese Wortwurzel beinhaltet Bedeutungen wie: heil, gesund, unversehrt, ganz sein. Insofern kann Islam übersetzt werden mit Hingabe zum Göttlichen, um ganz zu werden.  Aber ist es tatsächlich selbstverständlich? Heutzutage scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Wir als Menschen brauchen dringend Frieden.

Ich würde gern zwei kurze Punkte ausführen wollen, die man überschreiben könnte mit „innerer Frieden“ und „äußerer Frieden“.
1) Der innere Frieden
Was bedeutet Frieden? Ist es das Gegenteil von Krieg oder lediglich dessen Abwesenheit? Von einem religiösen Standpunkt aus betrachtet, muss Frieden weiter gedacht und verstanden werden. Äußerer Frieden ohne Spiritualität und Frieden im Inneren unserer selbst ist unmöglich. Echter Frieden beginnt hier. Der zentrale Glaube im Islam besteht darin, dass Gott einer und einzig ist. Diese beiden Punkte sind gleichbedeutend mit Seiner absoluten Vollkommenheit. So ist Er selbst vollkommener Frieden in Seiner Ganzheit. Wir Menschen jedoch leben in dieser Welt, einer Welt der Partikularität. Die Entfernung von Ihm und Seinem Einssein ist die Ursache für unsere Sorgen, Unruhe und Ängste.

Salam, innerer Frieden, bedeutet also Überwindung jener Hindernisse, die uns davon abhalten, für das Göttliche zugänglich zu sein. Religion im Allgemeinen und Islam im Besonderen fordert uns auf, ruft uns, uns wieder mit Gott zu verbinden, um Nähe zu erlangen. Dies ist letztlich gleichbedeutend mit Ruhe und Glückseligkeit. Aus diesem Grund spricht man im Islam nicht von Glaube, sondern von Iman. Dies bedeutet: sich sicher fühlen, sicher sein. Derjenige, der in sich selbst ruht, sich seines Schöpfers stets bewusst ist und Seiner gedenkt, wird im eigentlichen Sinne Mensch. Er wird so, wie Gott ihn gewollt hat.

Salam ist eine Qualität des Herzens des einzelnen Gläubigen. Es kann dann eine Qualität einer Gemeinschaft und letztlich der Welt werden. Diese Welt hat eine Chance, wenn wir wieder an unser traditionelles spirituelles Erbe anknüpfen.

2) Der äußere Frieden
Frieden hat, wie ich sagte, innere Voraussetzungen, aber es gibt auch äußere. Es ist unmöglich, Frieden ohne Gerechtigkeit herzustellen und zu verwirklichen. Frieden ohne Gerechtigkeit wäre dann nicht viel mehr als ein frommer Wunsch. Wir sollen gemeinsam für den Frieden beten – sicher, das ist gut und wichtig.

Aber wir müssen auch konkrete Maßnahmen ergreifen, die es uns erlauben, ein menschenwürdiges Leben zu führen, welches es uns ermöglicht, unsere Potenziale zu entwickeln. Gebete allein genügen nicht. Gott ruft uns dazu auf, in dieser Welt zu wirken und Zeugen und Botschafter Seiner Gerechtigkeit zu werden – nicht nur gegenüber uns selbst, sondern auch gegenüber unseren Mitmenschen und der Umwelt. Die großen politischen und wirtschaftlichen Player in dieser Welt tragen eine immense Verantwortung und haben eine moralische Pflicht. Sie sind es, die verpflichtet sind, die notwendigen Bedingungen für ein Leben in Würde herzustellen. Ein Leben in Würde nicht nur für einige wenige, sondern für alle.

as-salamu alaikum