Multireligiöses Friedensgebet

Albert Darboven lädt jedes Jahr gemeinsam mit den beteiligten Geistlichen zum Multireligiösen Friedensgebet auf dem Gestüt IDEE in Hamburg. Bereits seit acht Jahren setzt diese Veranstaltung ein starkes Zeichen für den Frieden. Beim Multireligiösen Friedensgebet kommen Vertreter der Weltreligionen zusammen. Waren beim ersten Friedensgebet noch die christlichen Religionen unter sich, kamen shiitische und sunnitische Muslime sowie jüdische und buddistische Geistliche hinzu.

Das gemeinsame Beten soll Verständnis und Wissen vermitteln und einen Austausch ermöglichen, um den Krieg der Kulturen und Religionen zu überwinden. Frieden ist Grundvoraussetzung für alle Menschen und kann nur gemeinsam von uns allen erschaffen werden. Insbesondere in der heutigen Zeit, wo Menschen aus anderen Kulturkreisen in Deutschland Schutz suchen, ist das Kennenlernen elementar.

Das Multireligiöse Friedensgebet ist für alle Interessierten offen. Nach dem gemeinsamen Gebet lädt Albert Darboven alle Gäste zu Kaffee und Kuchen ein. Das ist die Gelegenheit für alle Teilnehmer, friedensstiftende Gespräche zu führen.

Auf Wunsch zahlreicher Gäste stellen wir die Wortbeiträge der Redner zur Nachlese zur Verfügung. Bitte klicken Sie auf die Überschriften, um den zugehörigen Wortbeitrag auszuklappen.

„Weltweit wird mehr Geld verwendet, um Leben zu vernichten als investiert wird, um Leben zu erhalten. Damit das nicht so bleibt, habe ich den J.J.Darboven Stiftungsfonds ‘Friede der Religionen‘ errichtet.“
Albert Darboven

Lieber Herr Darboven, liebe Gestalter des Friedensgebets, liebe Gäste,

aus Glauben zum Frieden – Erkenntnis, Vernunft und Achtung stärken die Hoffnung und Zuversicht.

So lautet die diesjährige Einladung zum achten multireligiösen Friedensgebet im Namen der Albert und Edda Darboven Stiftung. Die Stärkung von Hoffnung und Zuversicht steht somit heute im Mittelpunkt aller Wortbeiträge. Angesichts einer Vielzahl von Ängsten und Sorgen, die jeden einzelnen von Ihnen, der heute hier ist, ganz unterschiedlich betreffen und beschäftigen, wollen wir gemeinsam bewusst eine positive Botschaft aufzeigen!

Die negativen Nachrichten sind in den letzten Jahren leider deutlich mehr geworden. Und dabei vergessen wir allzu oft, dass wir grundsätzlich die Wahl haben, ob wir die Dinge positiv oder negativ betrachten.

Wie wichtig allerdings, das Vertrauen in Zuversicht und Hoffnung ist, zeigt ein Zitat von Erich Fromm (aus der: „(Die) Revolution der Hoffnung“) auf:

 „Wer nur eine schwache Hoffnung hat, entscheidet sich für das Bequeme und die Gewalt.“

Wir wollen mit dem Friedensgebet Antworten aufzeigen und Mut machen, wie der Glaube zum Frieden Hoffnung und Zuversicht stärken kann.

Dazu laden wir sie heute herzlichst ein. Vielen Dank.

Lieber Herr Darboven, meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich begrüße Sie auch im Namen der Johanneskirchengemeinde Rissen; wie schön, dass wir wieder in der vielfältigen religiösen Gemeinschaft hier sein dürfen!

Gemeinsam um Frieden beten, dafür bitten und unterschiedliche und dabei verbindende Gedanken hören, das wollen wir heute tun.

in der Bibel steh ein Satz, der mir in der letzten Zeit viel im Kopf herumgegangen ist.

„Wem viel anvertraut ist, bei dem wird man viel suchen.“

Das ist ein großer Satz und eine große Verantwortung. Ja, die Menschen schauen auf uns, auf uns als Christen, katholisch und evangelisch, als Muslime, sunnitisch und schiitisch, als Juden und Buddhisten mit den großen Fragen nach dem Frieden.

Da ist eine große Sehnsucht nach Antworten, die die Religionen (hoffentlich) haben.

Eine große Verantwortung; zu groß für uns als Einzelne.

Aber in unserer Gemeinschaft kann es gelingen, Zuversicht und Hoffnung auf Frieden zu finden.

Ich gehe so weit und sage: unsere Gemeinschaft ist bereits eine Antwort auf eine der dringendsten Fragen unserer Zeit.

Gut, dass wir zusammen sind; ich wünsche uns allen einen hoffnungsvollen Nachmittag.

Haschivenu Adonaj elecha wenaschuva, chadesch Jamejnu kekedem!

Führe uns zurück, Ewiger, und wir wollen umkehren, erneuere unsere Tage wie vormals.

Dieser Satz ist Teil des Gebets beim Samstagmorgengebet in der Synagoge.

Haschivenu, Führe uns zurück. Das klingt sehr rückwärtsgewandt, so, als ob früher alles besser gewesen sei. Diesen Satz kennen wir sicher alle. Früher war alles besser. Meist antworte ich darauf, dass diese Aussage ziemlich blöd ist. Wer möchte davon ausgehen müssen, zwei von drei Kindern sterben zu sehen oder bei der nächsten Geburt zu sterben? Wer möchte gerne an Tollwut, Typhus oder Tetanus sterben? Wer möchte bei Zahnschmerzen noch zum Hufschmied gehen müssen? Sicher war früher nicht alles besser.

Angesichts der heutigen Situation in Europa kann ich allerdings viele Menschen verstehen, die diesen Satz nicht für blöd oder unangemessen halten. Die Frage ist ja, was bedeutet früher. Man muss sich ja nicht bis in die Steinzeit oder ins Mittelalter zurückwünschen. Früher kann auch noch nicht so lange her sein. Vor zwei Jahren war für viele Menschen, gerade in Osteuropa, die Lebenssituation sicher besser.

Der Satz im Gebet geht aber weiter. Chadesch Jamejnu. Erneuere unsere Tage. Es geht also nicht um ein „ich möchte zurück, früher war alles besser“, sondern um ein „wir brauchen, wir möchten etwas Neues“. Etwas, das unser Leben lebenswerter macht als es heute ist. Das gute von damals möchten wir wiederhaben, das schlechte von heute möchten wir nicht mehr. Besser soll es werden.

Man mag das als einen frommen Wunsch abtun, ein nett gemeintes Gebet. Egal, was wir beten, es geht sowieso nicht in Erfüllung. In der Synagoge beten wir nach der Lesung aus der Tora das Krankengebet. Würden die Kranken deshalb gesund werden, wäre das Gebet kein Gebet sondern Magie. Wir beten für Völkerverständigung (was auch immer damit gemeint ist), würde das dann sofort geschehen, wäre das Gebet kein Gebet, sondern Zauberei.

Was aber soll dann dieses ganze Getue um das Beten? Gebet gibt es in wahrscheinlich jeder Religion und Kultur. Es mag im Buddhismus anders sein als im Judentum, im katholischen Christentum anders als im Zoroastrismus, aber doch wendet man sich an etwas außenstehendes, sei es verbal oder meditativ, laut oder eher still. Wozu aber, wenn es ja offensichtlich nichts nützt? Würde Gebet so funktionieren, wie viele Menschen hierzulande Gebet verstehen, dann würden Fußballspiele 100:100 enden, alle Schülerinnen und Schüler hätten super Noten in der Schule, niemand würde mehr krank werden, der Krieg in der Ukraine wäre längst vorbei, wir hätten Frieden auf der Welt. Wir müssten nichts tun, um Änderung herbeizuführen, außer zu beten.

Das Rabbinerseminar in Buenos Aires hat als Motto: „Das Gebet ändert nicht die Situation. Das Gebet ändert den Menschen, und der ändert die Situation“.

Das Gebet ändert den Menschen. In der hebräischen Sprache ist das Verb beten reziprok. Das heißt rückbezüglich. Wie im Deutschen „sich die Hände waschen“, „sich anziehen“. Das Hebräische lehitpalel wäre wörtlich übersetzt „sich beten“. Man tut sich selbst etwas mit dem Gebet. Man ändert sich dadurch. Im besten Fall natürlich zum Besseren.

Natürlich drängt sich jetzt die Frage auf, warum diese Welt so oft ein schrecklicher Ort ist, wo doch ständig irgendwo gebetet wird? Menschen beten allein, zu zweit, in Gruppen, in Gemeinden, manchmal sogar in Massen.

Ich denke, viele Menschen missverstehen Gebet als eine Abfolge von Wörtern und Worten, von Sätzen und Texten. Klar kann ich ein Gebet einfach so herunterleiern. Passiert mir auch manchmal. Ich bete in der Gemeinde laut vor, aber auf Autopilot. Ich spreche und singe Wörter aus, denke aber schon über das Essen nach Feierabend nach. Das sollte nicht sein. Wenn ich mich auf den Text besinne, auf die Wörter und Worte konzentriere, darauf achte, was diese in mir auslösen (oder auch nicht), dann kann Gebet eine wichtige Komponente sein, mich zu einem besseren Menschen zu machen, die Gemeinde zu einer besseren Gemeinde, die Menschheit zu einer besseren Menschheit und diese Welt zu einem besseren Ort für alle Lebewesen.

Lassen Sie uns diese Chance nicht entgehen!

Hoffnung, liebe Glaubende, ist ein zentrales Element des Glaubens.
Das habe ich heute morgen gerade wieder gespürt, als ich im Zug zu Ihnen unterwegs war.
Der Zug hatte zwei Stunden Verspätung. Die Ursache: Zwei Personen im Gleis an zwei verschiedenen Orten.
Das ist die Umschreibung der Bahn für den erschütternden Umstand, dass heute morgen zwei Mitmenschen unabhängig voneinander entschieden haben: Ich sehe in meiner Verzweiflung hier auf Erden keinen Ausweg für mich. Ich habe keine Hoffnung mehr.

An 126 Stellen der Bibel wird von der Hoffnung gesprochen und der Hebräerbrief nennt die Gewissheit im Glauben „das unwandelbare Bekenntnis der Hoffnung“ (Hebr 10, 23).

Auf Hoffnung hin sind wir gerettet! So sagt es der Apostel Paulus im 8. Kapitel (Vers 24) seines Briefes an die Gemeinde in Rom. Er zeigt uns damit eine Perspektive auf, ein Ziel, etwas, auf das wir uns verlassen können. Der Hoffnung widmete unser verstorbener Papst Benedikt XVI. im Jahr 2007 eine ganze Enzyklika, in der er schrieb: „ Wir brauchen die kleineren oder größeren Hoffnungen, die uns Tag um Tag auf dem Weg halten. Aber sie reichen nicht aus, ohne die große Hoffnung, die alles überschreiten muss. Diese große Hoffnung kann nur Gott sein.“

Gerade heute bedürfen wir der Hoffnung, wo wir uns durch Vieles in dieser Welt bedroht fühlen und wo wir Menschen unsere Existenz und einander durch unser Handeln bedrohen – oder auch durch das Unterlassen dringend gebotener Handlungen! Wir brauchen also Hoffnung. Aber: Sie darf nicht zur frommen Leerformel von Predigern werden. Hoffnung braucht eine Grundlage und ein Ziel auf das sie sich gründen kann.

Erst wenn ich meine Hoffnung im Glauben gründen kann, ist diese Hoffnung mehr als bloßes „think positive“ oder „Don`t worry, be happy“. Es macht den entscheidenden Unterschied, ob ich schlicht das „Prinzip Hoffnung” bejahe, oder ob ich darauf hoffen und vertrauen kann, dass Gott wirklich in meinem Leben handelt und dass er mir hilft.

Denn dann kann ich nicht nur hoffen, sondern auch beten. Für die beiden Mitmenschen, von denen ich glaube, dass sie jetzt in Deinem liebenden Armen angekommen sind, Herr.

Mit Gott an meiner Seite kann ich auch dann noch hoffen, wo alles nach menschlichen Maßstäben hoffnungslos scheint. Er wirkt schon in mir und verändert mich und gibt mir Zuversicht, auch im Angesicht der Bedrohung.
Ich weiß nicht, was mir im Einzelnen alles im Leben noch bevorsteht, das kann auch Schweres und Leid sein. Aber ich weiß, dass mein Leben nicht ins Leere läuft. Wenn ich aus dem Glauben heraus hoffe, dann merke ich, wie Jesus in meinem Leben tatsächlich bereits anwesend ist und wirkt und dadurch mein Leben immer wieder verändert hat und es immer weiter verändert!
Das schenkt mir Vertrauen in die Zukunft. Ebenso kann meine Hoffnung aber auch genährt werden, aus meiner Erinnerung an eine frühere Erfahrung des Guten. Erinnerung an Gutes, was mir widerfahren ist, hilft mir, eine aufkommende Dunkelheit in mir aufzuhellen.

Wenn wir uns auch im Leben mit anderen gelegentlich als ungeliebt erfahren: Wir sind definitiv geliebt und – was immer uns auch geschieht – wir werden von dieser Liebe erwartet. Und so gewinnt unser Leben Weite und Hoffnung und Zuversicht. Amen.

Es ist wundervoll wieder hier sein zu dürfen! Wie schnell die Zeit vergeht!

„Hoffnung auf Frieden“ … so lautet unser Thema. Ich freue mich, wenn Sie in meinen kurzen Worten auch nur einen Gedanken finden, der Sie inspiriert.

Wir fragen heute danach, worin unsere Hoffnung auf Frieden liegt … doch welche Antwort gäbe es wohl, wenn wir die Perspektive tauschen?

Ich glaube an die Existenz einer jenseitigen Welt, einer Welt des Heiligen. Ich bin sicher, diese heilige Welt kennt alle unsere Hoffnungen schon längst … genau wie unsere Sorgen und Nöte, unsere Stärken und unsere Schwächen. Ich frage mich: „Welche Hoffnungen setzt die Welt des Heiligen wohl in uns?“

Buddhismus lehrt, die Welt nicht zu beklagen, sondern sie anzunehmen, wie sie ist – und dann sein Bestes zu tun. Wem von uns ist es gegeben, diese Welt im Großen zu verändern? Doch uns allen ist in die Hand gelegt, die Welt im Kleinen, für unseren Nächsten, zu einem helleren Ort zu machen – jeden Tag wieder neu.

Wenn wir in die Welt blicken, dann schleicht sich Ungewissheit auch in unser so sicher geglaubtes Leben, nicht wahr? Oder wie es der großartige Karl Valentin vor fast 100 Jahren sagte: „Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie mal war …“

Schon immer war der Gang der Welt ungewiss und das Leben der Menschen voller Kummer. Einen Glauben zu haben bedeutet, die Angst vor der Ungewissheit zu überwinden. Wann wollen wir das Wunder des Glaubens und die Kraft von Gebet erfahren, wenn nicht dann, wenn all unsere vermeintlichen, menschlichen Gewissheiten an ihre Grenzen stoßen? Gewissheit kann man nur über das Zählbare, das Messbare haben. Das Wesentliche aber … das Unermessliche begegnet uns nur im Glauben.

Die Ungewissheit des Lebens befragt unser Herz: „Kannst du dein Handeln an Höherem orientieren, als der Sorge um dein eigenes Wohl?“

Shinnyo-En hat eine Gemeinde in der Ukraine. Nach Ausbruch des Krieges berichtete mir eine junge Frau, wie ihre Familie unter dem Krieg litt. Doch am Ende des Gespräches sagte sie: „Trotz allem … ich bete, dass kein Soldat und überhaupt kein Mensch – auf welcher Seite auch immer – mit Hass und Groll im Herzen sterben muss.“

Diese junge Frau lehrte mich, dass sogar in den Schrecken eines Krieges Platz ist für ein friedliches Herz. Frieden ist mehr als eine vage Hoffnung für die Welt, Frieden ist eine Haltung … eine Entscheidung. Frieden ist eine Antwort auf die Realität dieser Welt.

Vor 2.500 Jahren wurde in der Hochkultur des alten Indien jener Mensch geboren, der später „Buddha“ genannt wurde. Vielleicht haben Sie schon einmal gehört, dass er der Sohn eines Königs war. Das hat eine tiefe Bedeutung: König zu sein bedeutete, über alles irdische Glück zu verfügen … und die Macht über das Glück und Unglück anderer Menschen zu besitzen.

Doch als er 29 Jahre alt wurde, verließ er den Palast. Er hatte erkannt, dass selbst die Macht eines Königs das eigentliche Leid der Menschen nicht ändern kann: Konfrontiert zu werden mit dem, was man fürchtet, und getrennt zu werden von dem, was man liebt.

Nach entbehrungsreichen Jahren der spirituellen Suche erlangte Buddha höchste Erleuchtung. Er erkannte, dass unser Lebensweg weder vom Schicksal vorherbestimmt noch dem Zufall überlassen ist und auch nicht der Willkür einer höheren Macht unterworfen ist. Der Schlüssel zu einem glücklichen Leben liegt im Herzen eines jeden einzelnen Menschen: In der Einzigartigkeit und Güte der individuellen Persönlichkeit und in der Fähigkeit, nicht nur für das eigene Wohl, sondern auch für das Wohlergehen des Nächsten zu leben.

Was aber hindert uns? Einem weisen Mann – so eine alte buddhistische Geschichte – schenkten die Götter einst einen Traum von der Wahrheit über Himmel und Hölle. Erst wurde er in die Hölle geführt. Zu seiner großen Verblüffung fand er einen reich gedeckten Tisch voller Köstlichkeiten vor. Doch die armen Seelen, die sich um den Tisch versammelten, waren nur Haut und Knochen und ihre Gesichter von Gier verzerrt. Der Weise wunderte sich … bis er sah, wie jedes Mal, wenn sie zu essen versuchten, die Essstäbchen meterlang wurden und niemals auch nur ein Happen den Mund dieser bedauernswerten Kreaturen erreichte.

Sodann öffnete sich vor seinen Augen die Welt des Himmels … wieder ein reich gedeckter Tisch und als die Himmelswesen zu den Essstäbchen griffen, wurden auch diese meterlang. Der Weise war verwirrt: Himmel und Hölle unterscheiden sich nicht? Doch dann sah er, wie sich die Himmelswesen mit einem dankbaren Lächeln über den Tisch hinweg gegenseitig die Köstlichkeiten reichten und sich gemeinsam am Mahl erfreuten.

Vielleicht ist es die Hoffnung der jenseitigen Welt des Heiligen, der Welt Gottes oder wie auch immer wir sie uns vorstellen, dass wir uns schon hier auf Erden um diese Himmelswelt bemühen – ein jeder auf seine Weise.

Oder, wie es Kyoshu Shinjo, der Begründer des Shinnyo-Buddhismus, sagte: „Ein Leben in Freude oder ein Leben voller Tränen – es liegt in unserer Hand.“

Ich danke Ihnen von Herzen, dass ich diese Gedanken mit Ihnen teilen durfte!

„Aus Glauben zum Frieden – Erkenntnis, Vernunft und Achtung stärken die Hoffnung und Zuversicht“

Liebe Schwestern und Brüder,

„liebt eure Feinde“, sagt Jesus „und bittet für die, die euch verfolgen“. Was er konnte, selbst noch am Kreuz, war vor ihm und auch nach ihm und bis heute nur wenigen Menschen gegeben. Die Bibel und die Geschichte der Christenheit bis zu diesem Tag sind voller Beispiele, wie ohne Bedenken Gott gebeten wird, die Feinde auszumerzen, und wie ohne Bedenken Christen Gott auf ihrer Seite wussten, um dieses Werk selbst zu tun.

An jedem Tag von neuem werden wir mit Nachrichten über Krieg und Friedlosigkeit in unserer Welt konfrontiert, hören und sehen grauenvolle Bilder von sinnloser Zerstörung, von Folterungen, Vergewaltigungen und massenhaftem Morden.

Wenn uns der Krieg so nahe kommt wie seit dem Februar 2022, wissen die meisten von uns, wer der Feind ist und wem wir im Tiefsten vielleicht sogar den Tod wünschen und wen wir um keinen Preis lieben würden. Wieviel mehr die Menschen, die direkt betroffen sind.

Auch hier bei uns werden Ton und Verhalten immer rauer und Feindbilder aufgebaut und gepflegt, findet verbale Vernichtung statt im Netz und in Bierzelten, und die Aufforderung Jesu verhallt ungehört: „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen.“

Ist das realitätsfern?

Liebe lässt sich nicht befehlen, schon gar nicht, wenn ihr so viel Unfrieden und Hass im Weg steht. Was also tun? Ein Blick in die Psalmen könnte helfen, dieses wunderbare Buch voll frommer Lieder im Ersten Testament unserer Bibel.

Darin finden sich verschiedentlich Bitten an Gott, die Feinde des Beters zu vernichten oder ihnen Übles zu tun.

Ist solches Beten liebevoll, ist es friedlich? Führt solcher Glaube zum Frieden? Sicher nicht. Ist aber so zu bitten vielleicht hilfreich für den Beter? Ja, denn es ist ehrlich und in seiner Situation und aus seiner Sicht auch vernünftig.

Solche wenig friedenstiftenden Stellen in den Psalmen bringen den eigenen Zorn, den Frust und auch den Hass vor Gott; bringen sie in die Gegenwart des Schöpfers und Erlösers sowohl des Beters als auch seines Feindes und geben die Entscheidung in Gottes Hand.

Aus Glauben zum Frieden zu finden, ist oft genug ein steiniger Weg; doch auch negative Empfindungen dürfen in unserem Leben vor Gott ausgesprochen werden, damit er uns einen Weg zum Frieden weise und zugleich unsere Gedanken und Empfindungen reinige.

Im Glauben den Weg zum Frieden zu suchen, unseren inneren Frieden zuerst, beginnt damit, unsere Feinde in Gottes Hand zu geben ebenso wie unseren Hass und unseren Zorn und damit der Hoffnung Raum zu geben, dass Gott einen Weg weiß, dieses Knäuel an Empfindungen und Unvereinbarkeiten unseres Herzens und unseres Verstandes zu entwirren und uns auch in die andere Richtung sprachfähig zu halten – nicht nur im Ausdruck unseres Hassens, sondern aus Glauben auch im Blick auf unseren Auftrag, Frieden zu suchen.

„Liebt eure Feinde“ heißt, auch für sie Frieden zu suchen wie für mich selbst, jenen Frieden, den Jesus im Namen Gottes verheißen und verkündet hat. Er ist uns verheißen, das sollen wir zuerst hören und im Herzen bewahren und mit dem Verstand zu leben suchen.

Wenn wir unseren inneren Unfrieden mit unseren Feinden vor Gott gebracht haben, können wir diese Feinde in Gottes Hände befehlen und unsererseits unser Bestes tun, sie mit Gottes Hilfe zu lieben und dadurch im Glauben dem Frieden zu dienen und Wege der Annäherung zu suchen, damit Friede werde zwischen Völkern, Kulturen, Religionen, vor allem: zwischen Menschen.

Amen.

Rückblick 2022

Zum 7. Mal treffen wir uns heute zum multireligiösen Friedensgebet der Albert und Edda Darboven Stiftung. Die Idee zu diesem Friedensgebet entstand aus der tiefen Überzeugung des Stifterehepaares, dass Frieden eine Grundvoraussetzung für ein gelebtes Miteinander in der Welt ist. Und im Glauben – egal welcher Religion wir angehören – steckt die Kraft, den Frieden auf der Welt zu fördern und zu stiften. Doch was bedeutet das für uns heute?

Seit dem 24. Februar ist unsere Welt eine andere geworden. Mitten in Europa herrscht Krieg. Das eigentlich Undenkbare ist grausame Realität geworden und jeder von uns ist seitdem mit aktuellen Nachrichten, verstörenden Bildern sowie den eigenen Ängsten konfrontiert.

Mehr denn je sehnt sich die Welt daher im Moment nach Frieden!

Wie können wir angesichts des Krieges in der Ukraine und damit vor unserer Haustür an der friedensstiftenden Kraft des Glaubens festhalten? Welche Antworten können die unterschiedlichen Religionen und Glaubenstraditionen geben? Wie schaffen wir es, die Hoffnung auf den Frieden nicht zu verlieren?

Ein erster Schritt ist, nicht weg zu schauen, sondern zu zuhören und einen Dialog zu beginnen. Und genau das bedeutet der multireligiöse Austausch. Wir hören den anderen Traditionen/ Religionen zu.

Liebe Gäste, freuen Sie sich auf das Friedensgebet mit dem Thema „Aus Glauben zum Frieden – die Religionen in der aktuellen Verantwortung angesichts des Krieges in der Ukraine“.

Vorab darf ich die Generalkonsulin der Ukraine in Hamburg, Frau Dr. Iryna Tybinka bitten, uns zu berichten, wie es aktuell ihrem Land und den Menschen in der Ukraine, aber auch den Schutzsuchenden hier in Hamburg geht.

Es ist so gut, wieder hier zu sein! Doch wer hätte gedacht, dass wir uns im Schatten eines unfassbaren Krieges treffen würden?

Shinnyo-En hat ein kleines Gemeindezentrum im Herzen von Kjiv, doch die Mitglieder der Gemeinde leben nun über halb Europa verstreut – oder in einer vom Krieg zerrissenen Heimat. Wenn ich – heute – hier – an diesem schönen und sicheren Ort über Krieg und Frieden und über Glauben spreche, dann in tiefster Demut gegenüber allen Menschen, die jetzt Krieg erdulden müssen oder in der Vergangenheit ihr Leben hingaben für die friedliche Welt, in der wir jetzt leben dürfen.

Der Titel des heutigen Friedensgebetes fragt nach der Verantwortung der Religionen für eine friedliche Welt.

Es gehört wohl zur Tragik der Menschheit, dass Religionen – die Frieden und Erlösung bringen sollten – weithin als etwas angesehen werden, dass zum Leid dieser Welt beiträgt. Manche sagen sogar: Diese Welt wäre ein besserer Ort ohne Religionen. Dem kann ich nicht zustimmen.

Natürlich kann man Religion missverstehen als weltfremde Erzählung von der Erschaffung einer idealen Welt – und sogleich beklagen, dass diese Welt – trotz oder wegen ihrer Religionen – so weit von einem Paradies entfernt ist.

Und natürlich kann man auch fragen, warum die Welt so schrecklich ist – man wird unzählige Antworten finden … und letztlich an ihnen verzweifeln.

Man kann aber auch fragen: Warum ist die Welt überhaupt so gut wie sie ist? Und dann wird man entdecken, dass es auch eine heilige Geschichte der Menschheit gibt, wie sie ein großer Philosoph einst nannte – die berührende Geschichte von Weisheit und Barmherzigkeit, die letztlich immer alles Dunkle überwunden hat.

Wie entstanden die tiefen Wurzeln all des Guten in uns und um uns herum, wenn nicht aus dem Glauben, aus Gebet und Religion?

 „Mensch sein weißt immer über sich selbst hinaus auf etwas Größeres.“ So sagte es der große Denker und Mensch Viktor Frankl, der die Gräuel des Holocaust durchlebte. Und folgende Worte sprach ein Mensch, der als Wissenschaftler die Grenzen menschlicher Vorstellungskraft sprengte: Albert Einstein.

Der Mensch erlebt sich selbst als etwas, das vom Rest des Universums getrennt existiert, dies ist eine Art optischer Täuschung des Bewusstseins. Diese Täuschung ist wie ein Gefängnis für uns (…).

Unser Bestreben sollte es sein, dass wir uns aus diesem Gefängnis befreien, indem wir den Kreis unserer Barmherzigkeit ausweiten, um alle fühlenden Wesen und die gesamte Natur in ihrer ganzen Schönheit zu umhüllen.

Vielleicht erscheint das unmöglich, doch sich genau darum zu bemühen, ist bereits ein Teil der inneren Befreiung und Fundament für innere Erlösung.“

Was, so möchte ich fragen, schenkt solche Weisheit, wenn nicht Glauben und Religion? Ich möchte Ihnen von Siddharta erzählen, von jenem Menschen, der vor 2.500 Jahren zum Buddha wurde: Es hat eine tiefe Bedeutung, dass er als Sohn eines Königs geboren wurde. Als König wäre er selbst eines Tages Herr über Freude und Leid, über Krieg und Frieden geworden. Doch erkannte er, dass alles weltliche Wissen und Wollen – ja sogar absolute Macht – letztlich begrenzt und vergänglich sind.

So suchte er als Geistlicher, als Heiliger nach einer höheren Wahrheit. Er erlangte höchste Erleuchtung und erkannte die tiefgründigen Gesetze dieses Universums: die allumfassende Verbindung aller Phänomene und Dinge, das Prinzip von Ursache und Wirkung und den Weg zur Erlösung aus dem Leid.

Buddhismus lehrt, wie wir als Menschen auf die Realität dieser Welt antworten können, um das Gute in uns selbst und den Frieden in der Welt entstehen zu lassen.

So verstehen wir das Wesen von „Religion“.

Das Wunder des Menschseins entfaltet sich nicht in Wissen und Können allein, sondern in seinem Streben nach Frieden und seiner selbstlosen Sorge um den Nächsten. „Menschsein“ ist kein biologisches Privileg, es ist eine Mission. Nur der Mensch kann über sich selbst hinauswachsen und so zu seinem wahren Selbst erwachen.

Wer oder was sollte solches Denken und Tun vermitteln, wenn nicht Religion. Ihre Heiligkeit Keishu Shinso Ito, Oberhaupt des Shinnyo-Buddhismus, erklärte, dass Weltfrieden aus zwei „Dimensionen“ besteht: der globalen Dimension von Politik und Diplomatie … und der individuellen Dimension der Harmonie zwischen zwei Menschen. Internationale Friedensordnungen und Verträge mögen hoffentlich eines Tages zu einem festen Netz werden, dass diese Welt zusammenhält. Doch die Knoten, die dieses Netzes erst bilden – das können nur unsere friedlichen Herzen sein.

Kein Akt der Nächstenliebe – so klein er auch sein mag – ist jemals verschwendet. Wir sollten nicht darauf warten, dass eines Tages das Gute die Welt beherrscht. Herrschaft ist nicht das Wesen von Güte, sie will im Herzen erweckt werden: Denn Güte ist unsere eigentliche, unsere wahre Natur.

Im Buddhismus nennen wir sie „Shinnyo“.

Der Begründer des Shinnyo-Buddhismus, Kyoshu Shinjo Ito, fasste all das in diesen Worten zusammen: „Es geht nicht allein um die Frage, ob Weltfrieden erreicht wird. Es geht darum, im Hinblick auf dieses große Ziel an sich selbst zu arbeiten und das eigene Ich zu polieren. Solches Bemühen macht unser Leben als Menschen, die sich um spirituelles Erwachen bemühen, wahrhaft bedeutsam.“

Wem von uns ist die Macht gegeben, in dieser Welt einen großen Konflikt zu beenden? Doch … ist nicht uns allen die Kraft geschenkt, einen kleinen Frieden zu beginnen? Wie wäre es, wenn wir heute damit beginnen?

Vielen Dank, dass ich diese Gedanken mit Ihnen teilen durfte!

Priester Andreas Fiol, Shinnyo-En Deutschland.

Wir alle fühlen uns in einer katastrophalen und unangenehmen Kriegsatmosphäre:

  • Tausende unschuldige ukrainische Menschen sind bereits gestorben
  • Millionen wurden vertrieben aus ihrer Heimat

Dies alles, obwohl tatsächlich durch Dialog und Verhandlungen eine anderen Lösung hätte gefunden werden können.

Leider existieren in unserer heutigen Welt immer noch diejenigen, welche Krieg und Gewalt als eine bessere Lösung ansehen. Wir müssen uns wieder bewusst machen: Krieg ist Krieg! Und das Wort sagt bereits alles aus.

In der heutigen globalen Welt gewinnt niemand etwas durch Krieg – Alle sind am Ende Verlierer! Einer mehr, der andere weniger.

Dann warum überhaupt noch Krieg? Weil einige sich selbst durch Krieg in ihrem Egoismus bestätigt fühlen! Und weil manche Menschen es nicht geschafft haben, ihren inneren Wolf, d. h. ihr Ego, zu zähmen.

Der persische Dichter Fereydun Moshiri hat dies sehr schön in seinem Gedicht „Der innere Wolf“ beschrieben:

Ein Weiser hat mir einst entdeckt:
ein Wolf in jedem Menschen lebt.
Er haust hartnäckig und versteckt
in unserem Ich, mit uns verwebt.

Und Wolf und Mensch sich stets bekriegen:
bei Nacht und Tag, bei Tag und Nacht.
Ob Mensch, ob Wolf, Wer wird obsiegen?
Wer überlebt die ewige Schlacht?

Durch Muskelkraft gibt’s kein Entrinnen.
Nur wer sein Denken kontrolliert,
dem kann’s mit Müh und Not gelingen,
dass dieser Wolf den Kampf verliert.

Ein Schwächling dann, man glaubt es kaum –
er wirkt so kraftlos und verwirrt –
hält seinen Wolf ganz fest im Zaum,
würgt dessen Kehle unbeirrt.

Dagegen steckt der Kraftprotz oft
gefangen in des Wolfes Klauen.
Trotz Tapferkeit vergeblich hofft
er seine Freiheit je zu schauen.

Wenn seine Seel‘ an einem Tage
die Bestie auf den Boden zwingt,
dann ist der Mensch erst in der Lage,
dass seine Läuterung beginnt.

Doch wenn dem Wolf er unterliegt,
scheint er nur Mensch, doch ist er’s nicht.
Vom Wolfe Tag um Tag besiegt
wird er zum Wolf mit Menschgesicht.

Wer Toleranz dem Wolf gewährt
und lässt ihn heulen oder bellen,
verliert sein Menschsein und erfährt
des Wolfs Natur in allen Zellen.

Solang der Jugend Frohnatur
in deinem Herzen singt,
vernichte diese Kreatur,
bevor sie wächst und dich bezwingt.

Dem alten Wolf sich widersetzen,
gelingt nicht mal mit Löwenmut.
Der alte Mensch spürt voll Entsetzen,
sie ist zu stark, die Wolfesbrut.

Wenn Menschen grundlos sich bekriegen
dann leiten innere Wölfe sie.
Wenn Menschen streiten, ja dann siegen
die Wölfe, doch die Menschen nie.

Der Grund, weshalb die Menschen leiden,
warum ihr Dasein hart und schwer,
sind Wölfe, die die Richtung weisen.
Sie vorneweg, wir hinterher.

Wenn zwei Tyrannen sich verstehen,
dann kennen Ihre Wölfe sich,
sie schließen Freundschaft,
denn sie sehen den Wolf in uns, nicht dich und mich.

Die Wölfe Freund, die Menschen fremd.
Wir lassen sie gewähren.
Sie sind vereint, doch wir getrennt.
Wer kann uns das erklären?

Liebe Gäste,
wir sind alle verantwortlich dafür, durch eine vernünftige Erziehung und Bildung der zukünftigen Generation die Ursachen von Krieg und Feindschaft aufzuzeigen, damit in Zukunft diese Generation,

  • einen Stift wirkungsvoller findet als eine Waffe
  • und Dialog wichtiger erachtet als Streit und Krieg
  • und die Menschenrechte höherstellt als Blutvergießen.

Und letztendlich brauchen wir diejenigen, die das, was sie für sich selbst wünschen, auch für den anderen ebenso wünschen.

Ich danke ihnen für ihre Aufmerksamkeit.

Iman Dr. M. Razavi Rad, Institut für Human- und Islamwissenschaften, Hamburg.

Aus Glauben zum Frieden

Im Evangelium nach Johannes steht eine längere Rede Jesu an seine Jünger, in der er sich von ihnen verabschiedet. Er wird gehen, sagt er ihnen, und sagt weiter, dass sie ihm an den Ort, an den er geht, nicht werden folgen können. Und dann fügt er einen seelsorgerlich bedeutenden Satz an: „Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“
An Pfingsten werden dieses Gespräch und dieser Satz in unseren Gottesdiensten gelesen. Auch in diesem Jahr, als die Ukraine mit Krieg überzogen worden war, Menschen dort starben und viele flüchteten, und Menschen hier Angst hatten vor Krieg und Teuerung und einer Ungewissheit, die wir so lange und so bedrohlich intensiv nicht gekannt hatten.
„Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“
„Leicht gesagt“, mögen die Jünger Jesu schon damals gedacht haben, und viele heute auch. Unmittelbar vor dem Wort über das unerschrockene Herz und die Furchtlosigkeit, hatte Jesus das gesagt: „Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt.“
Gerade diesen Frieden vermissen wir doch. Friede brächte doch das Ende des Krieges und all der Dinge, die unsere Herzen beunruhigen.
Ist das Friede? Wenn kein Krieg ist, kein Streit, keine Furcht, kein Zorn, kein Hass?
Wo liegt der eigene Wert des Friedens, wenn er nur darüber definiert wird, was dann nicht an Schrecklichem ist, wenn Friede ist?
Das ist die Frage, die es schwermacht, die Verheißung Jesu nicht nur zu hören, sondern sie im Glauben anzunehmen. In seinem Sinne hat Frieden einen eigenen kostbaren Wert, der nicht daran gemessen wird, dass gerade kein Krieg herrscht.
Wenn wir ehrlich sind, ist unser Denken vom Frieden anders geprägt. Wir wollen, dass in der Ukraine, im Jemen und an so vielen anderen Orten dieser Welt die Waffen schweigen und Menschen nicht Menschen nach dem Leben trachten, Existenzen vernichten, Ernten vernichten und weltweit ein Gefühl der Ohnmacht und der Angst, aber auch Gefühle von Vergeltung und Verdammnis Raum greifen.
Das Friedenswort, das Jesus seinen Jüngern und der Welt zu jeder Zeit zuruft, widerspricht dem nicht, aber schränkt diese Sicht doch erheblich ein und legt zumindest seinen Anhängern eine heftige Bürde auf: Diese Art Frieden ist „Weltfrieden“, seine bedeutet mehr. Und die Bürde lautet: „Liebet eure Feinde!“
Das ist eine Zumutung für jeden Menschen, der brutal überfallen wird, um ihn zu unterjochen oder gar zu zerstören.
Hier wird die Frage nach dem Frieden unter uns zu einer Frage des Glaubens und unserer Sicht auf den Glauben. Wenn wir ehrlich mit uns sind und uns vor Gott ansehen, wird uns hoffentlich auch unsere Unvollkommenheit bewusst und eine Unruhe, gespeist aus Furcht und Hilflosigkeit, nichts ändern zu können an den vielen furchtbaren Realitäten in unserer Welt. Der große Kirchenvater Augustinus, hat Ende des 4. Jahrhunderts diese menschliche Erfahrung in einen Satz gekleidet, in dem er Gott als das Ziel des Lebens in den Blick nimmt: „Geschaffen hast du uns auf dich hin, o Herr, und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir.“
Das ist eine liebevolle und zugleich wahre Beschreibung unseres Menschseins, weil wir auf Krieg und Hass nur selten mit Feindesliebe und bedingungsloser Friedenssehnsucht reagieren, sondern aufwühlende und zerstörerische Gefühle kennen, die nach Vergeltung schreien in Trauer und Wut.
Der Glaube, den Gott schenkt, kann uns helfen, dass diese Gefühle keine Übermacht über uns bekommen und wir dadurch als Menschen definiert werden. Die Menschen in einem angegriffenen Land wie der Ukraine müssen sich, ihr Leben und ihr Land verteidigen und müssen dafür auch Hilfe von anderen fordern dürfen. Als Christen müssen sie zugleich – so sagt Jesus – den Frieden im Herzen tragen, der von Gott kommt und unsere innere Zerrissenheit heilt. Das ist oft genug eine Überforderung angesichts der Gräuel, die dieser wie jeder Krieg mit sich bringt. Und doch sagt Jesus genau das, wenn er seinen Jüngern seinen Frieden verkündigt, der von Gott ist, der so viel mehr von uns ersehnt und plant, als wir im Unfrieden dieser Welt verwirklichen können.
Weil Gott unsere unruhigen Herzen kennt, wünscht er nichts mehr, als dass wir seinen Frieden nicht ganz vergessen auf unserem Lebens- und Glaubensweg in einer immer wieder von Krieg und Verderben erschütterten Welt, weil er allein der wahre Friede ist und zugleich das Ziel unseres Lebens. Er legt uns seinen Frieden schon jetzt ans Herz, dass wir in der kleinen Welt um uns herum üben, ihn zu leben, auch wenn es uns noch lange nicht vollkommen gelingt.
Amen.

Hauptpastor Alexander Röder, Hauptkirche St. Michaelis, Hamburg.

Mi haIsch hechafez Chajim, ohev Jamim lirot tov.
Nezor leschoncha meRa, ussfatecha midaber mirma.
Ssur meRa wa-asse tov, bakesch Schalom werodfehu.

13Wer ist der Mann, der Leben begehrt,
der sich Tage wünscht, an denen er Gutes schaut?

14 Behüte deine Zunge vor Bösem
und deine Lippen, dass sie nicht betrügen;

15 weiche vom Bösen und tue Gutes,
suche den Frieden und jage ihm nach!

Diese Zeilen sind aus dem 34. Psalm. Dass ich diesen Psalm für heute ausgewählt habe, klingt plausibel, da der Inhalt Frieden ist. Ich habe aber auch einen persönlichen Bezug zu ihm. Als ich im Jahr 2011 zum Rabbiner ordiniert werden sollte, wurde ich nach meinem Ordinationsspruch gefragt. Ein Vers, den ich mir selber aussuchen konnte.

Ich hatte damals ein wenig das Problem, dass ich manchmal schlecht über andere Menschen gedacht und auch gesprochen habe. Da mich das persönlich sehr gestört hat (denn sowas tut man einfach nicht), fiel meine Wahl für meinen Ordinationsspruch auf den 14. Vers des 34. Psalms „Hüte deine Zunge vor Bösem und deine Lippen davor, schlechtes zu sagen“.

Als ich einem Freund davon erzählte, sagte dieser, dass ich mir damit eine Blöße geben würde, jeder wüsste dann, wo mein Problem läge. Ich solle einfach den darauf folgenden Vers wählen und insgeheim aber immer an den vorigen denken. Und so wurde mein Ordinationsspruch „weiche vom Bösen und tue Gutes, suche den Frieden und jage ihm nach“.

Dieser Vers ist es, der auf meinen Gebetsschal gestickt wurde. Dieser Vers ist es, den ich jedesmal lese, wenn ich mich zum Morgengebet vorbereite. Ssur meRa wa’asse tov, bakesch Schalom werodfehu.

Jetzt kommt die typische Frage des Rabbiners: und was lernen wir daraus?

Nun eine typische Antwort des Rabbiners: In der Tora steht geschrieben…. Ganz so plakativ will ich nicht werden. Trotzdem lohnt ein Blick in die Schriften.

Die meisten von Ihnen kennen sicher die Erzählung von den Brüdern Kain und Abel. Diese beiden, Kinder von Adam und Eva, den ersten Menschen, gingen unterschiedlichen Jobs nach. Kain, der ältere der beiden, war ein Ackerbauer, ein Landwirt. Abel hingegen wurde ein Viehhirte. Hier ahnt man schon, dass die Beziehung der beiden nicht leicht wird, denn Ackerbauern und Viehhirten haben sich noch nie gut verstanden und das hat sich bis heute nicht geändert.

Wenn man in die Geschichte schaut, sieht man das sehr deutlich: Darfour 2004: 1.000e Tote; Nigeria 2018: 1300 Tote; bekanntestes Beispiel Ruanda 1994: Tutsi gegen Hutu, 800.000 bis 1.000.000 Tote;

Konflikte zwischen Ackerbauern und Viehhirten bis in unsere Tage.

[Ich weiß nicht so genau, wie Herr Darboven sich selbst sieht, Pferdezüchter auf der einen, Kaffeebauer auf der anderen Seite. Möglicherweise sind Sie deshalb prädestiniert, dieses Friedensgebet zu ermöglichen]

Zurück zu Kain und Abel. Beide Brüder bringen Gott ein Opfer ihrer Erstlinge. Kain opfert Feldfrüchte und Abel opfert das erste neugeborene Tier. Laut Text werden Abel und sein Opfer gnädig angenommen, Kain und sein Opfer hingegen werden nicht angenommen. Kain ist verständlicherweise nicht sehr amüsiert darüber. Er scheint sehr zu zürnen, so sehr, dass Gott ihn anspricht und fragt, warum er denn so wütend sei? Und Gott gibt Kain einen Ausweg: Weißt du denn nicht, dass wenn du gutes tust, du dein Haupt erheben darfst, wenn du aber nichts Gutes tust, dann wird dein Verlangen dich überwältigen. Kain aber scheint nicht auf Gottes Rat zu hören und erschlägt seinen Bruder. Der erste Mord in der Bibel. Ein Brudermord. Ähnliches haben wir in Europa auch schon oft erlebt. Der aktuelle Krieg in Europa ist nicht viel anders.

Was hätte man anders machen können? Was kann man für die Zukunft tun?

Was die beiden Brüder nicht getan haben, ist, über das Erlebte zu reden. Und Kommunikation ist das Entscheidende, das A&O, das, was Konflikte verhindern kann. Wenn man sagt, dass man sich gerade nicht ernstgenommen fühlt, dass man sich übergangen fühlt, dass man fühlt, wie Wut im Innern auflodert. Nur dann kann der andere reagieren. Wenn ich nicht weiß, was im anderen vorgeht, kann ich nicht darauf reagieren. Wenn wir beide wissen, was uns bewegt, dann können wir dafür sorgen, dass wir uns aufeinander zu, anstatt voneinander weg bewegen.

Wir dürfen der anderen nichts Böses wünschen, sondern sollen ihr Gutes tun. Wir sollen unsere Zunge im Zaum halten, vielleicht einmal kurz nachdenken, bevor wir den Mund aufmachen. Sie nicht verletzen mit unseren Worten. Wenn wir das beherzigen, dann dürfen wir uns Tage wünschen, an denen wir Gutes schauen.

13Wer ist der Mann, der Leben begehrt,
der sich Tage wünscht, an denen er Gutes schaut?

14 Behüte deine Zunge vor Bösem
und deine Lippen, dass sie nicht betrügen;

15 weiche vom Bösen und tue Gutes,
suche den Frieden und jage ihm nach!

Mi haIsch hechafez Chajim, ohev Jamim lirot tov.
Nezor leschoncha meRa, ussfatecha midaber mirma.
Ssur meRa wa-asse tov, bakesch Schalom werodfehu.

Rabbi Jona Simon, Landesverband der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen.

Rückblick 2019

Als ich in den 90ern für ein Jahr in Köln lebte, erfuhr ich, dass früher im Rheinland (und das ging bis in die 60er Jahre hinein) viele Schulhöfe in evangelische und katholische Bereiche unterteilt waren, gerade nach dem Krieg als evangelische und katholischen Schule wegen der Zerstörungen zusammenrücken und sich Gebäude und so auch Schulhöfe teilen mussten. Ein gepinselter Strich auf dem Asphalt, auf dem Pflaster trennte die Kinder voneinander; miteinander spielen war verboten und unterrichtet wurde natürlich sowieso getrennt. Dass diese Trennung provozierte und Unfrieden gab, kann man sich vorstellen, „da flog auch schon mal ein Stein von hüben nach drüben“ erzählte mein alter Nachbar, „denn das waren ja die anderen“. Die, vor denen die Eltern warnten.

So war und so ist es, im Kleinen und im Großen, auf dem Schulhof in Köln-Nippes, und in Kriegen und Konflikten, seit alters her bis heute, in vielen Teilen der Welt: in Nigeria, im Irak, aktuell im Kaschmir und Assam, hoffentlich nicht bald wieder in Nordirland. Und auch auf unseren Straßen, wenn ich an antimuslimische und antisemitische Angriffe denke. Menschen haben immer wieder Religion dazu benutzt, ja missbraucht, um einander auszugrenzen, sich gegenseitig herabzusetzen und sich über den anderen zu erheben. Gegen dieses Gift, das wissen wir, hilft nur Begegnung – ein Einander-Kennenlernen als Gegen-Gift, als Basis für gegenseitigen Respekt, die Voraussetzung für den Frieden der Menschen.

Deshalb sind wir heute hier, weil wir Verständnis, Begegnung, Respekt ermöglichen wollen. Aber da geht noch mehr. Bzw. geht es nicht nur darum, Religion nicht zu missbrauchen, sondern es geht, positiv gesprochen, darum, die gute Kraft, die in den Religionen steckt, für den Frieden zu nutzen. In unseren Religionen und ich glaube, das ist die gemeinsame Überzeugung an diesem Tag, steckt ein Potenzial, das den Frieden auf der Welt fördern kann. Unsere Religionen sind Friedensstifterinnen, wenn wir sie recht verstehen, Agenturen für ein gutes Zusammenleben. Unser Glaube, so verschieden er ist, ist eine Kraft, die nicht nur dem Einzelnen, sondern auch der Welt, dem Weltfrieden guttun kann.

Meine lieben Damen und lieben Herren, die Fragen, die wir heute den sechs Geistlichen angesichts der Leiderfahrungen von Kriegen und Gewaltherrschaft, von Ausgrenzung und Diskriminierung stellen, sind also in etwa folgende: Wie kann uns unser Glaube zum Frieden führen? Welche Traditionen, welche Vorbilder gibt es in unseren Glaubensgemeinschaften, die uns helfen friedlich miteinander zu leben? Welche Verantwortung für den Frieden übernimmt die Religion in der Öffentlichkeit? Konkret: Inwiefern können Sie als Geistliche Ihrer Religion öffentlich für den Frieden eintreten? Und wir fragen uns: Was können wir als Christen, katholisch und evangelisch, als Muslime, sunnitisch und schiitisch, als Juden und Buddhisten tun, um an unseren Orten, nach unseren Kräften zum Frieden beizutragen?

Mit diesen Fragen sind wir hier. Aber eben auch mit Glaube und Liebe und Hoffnung.

Ich bin sehr dankbar, dass ich auch in diesem Jahr wieder hier sein darf; es ist eine große Ehre, zu Ihnen sprechen zu dürfen! Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie in meinem kurzen Beitrag einen Gedanken finden, den Sie gerne „mit nach Hause nehmen“.  Heute vor 80 Jahren begann der Zweite Weltkrieg, eines der finstersten Kapitel der menschlichen Geschichte. Ich habe den Schrecken dieser Zeit nicht selbst erleben müssen … aber was mich erschrickt, ist, dass heute die Menschheit als Ganzes wieder vor existentiellen Fragen steht, und statt gemeinsam nach Lösungen zu suchen, längst besiegt geglaubte Dämonen von falschem Stolz und blindem Hass, von Rassismus und Narzissmus wieder Macht ergreifen über die Herzen der Menschen.

Was kann und soll die Bedeutung von Glaube und Religion in der heutigen Welt sein? Gestatten Sie mir einen kurzen Ausflug in die Geschichte: Vor 500 Jahren entdeckten Nikolaus Kopernikus und Galileo Galilei, dass nicht die Erde – und damit vielleicht auch nicht der Mensch – im Zentrum des Universums steht. Das war eine tiefe Erschütterung eines Jahrtausende-alten religiösen Weltbildes – und es war die Geburtsstunde der modernen Philosophie und Wissenschaft, die den Religionen erst die Kompetenz über die Geheimnisse der Natur und der Schöpfung entrissen … und schließlich für sich in Anspruch nahmen, alle Wahrheiten dieser Welt und sogar des Lebens selbst besitzen zu können. Und so scheint es heute es, als haben Religion und Glaube ihre Daseinsberechtigung ganz verloren. Doch nun sind wir gefangen in einem Labyrinth aus „immer mehr wissen wollen“ und doch „nichts begreifen können“, verlorengegangen im Irrglauben, dass alles, was Logik und Verstand nicht erfassen können, auch nicht existieren kann … dass alles, was man nicht messen oder besitzen kann, auch ohne Wert und Bedeutung ist. Der Nobelpreisträger Werner Heisenberg sagte einmal: „Der erste Schluck aus dem Glas der modernen Wissenschaft verwandelt dich in einen Atheisten … aber ganz unten im Glas wartet Gott auf dich.“

Natürlich sind die Fortschritte, die durch menschliches Wissen und Können gemacht wurden, atemberaubend: Wir schauen in das Innere von Atomen, reisen zum Mond und erschaffen künstliche Intelligenz … und ja … moderne Medizin ist ein Segen … und Kühlschränke sind es auch. Doch gibt all unser sogenannter Fortschritt eine Antwort auf die Frage, welchen Sinn wir unserem Dasein geben können und wie wir in Frieden zusammenleben können? Es scheint, als seien diese wirklich entscheidenden Fragen ein größeres Mysterium als jemals zuvor. Die Krisen der Menschheit sind – so glaube ich – keine wirtschaftlichen oder ökologischen Krisen, sondern – und das gilt sogar für Kriege – in ihrem Kern sind es spirituelle Krisen, Glaubenskrisen, denn ihre gemeinsame Ursache ist die Missachtung der grundlegenden spirituellen Werte dieser Welt: Aufrichtigkeit und Dankbarkeit, Selbstlosigkeit und Nächstenliebe, Bescheidenheit und Achtung vor dem Leben. Wie die Welt wohl aussähe, wenn sich in den vergangenen Jahrhunderten unsere Menschlichkeit nur halb so viel entwickelt hätte, wie unser Wissen? Was, wenn nicht wahre Religion, öffnet unsere Herzen für das wirkliche Wunder unserer Existenz? Was, wenn nicht das Gebet, öffnet uns die Augen für das Wirken des Heiligen in unser aller Leben? Was, wenn nicht der Glaube, schenkt uns die Weisheit, mit der wir in den schweren Stunden unseres Lebens eine tiefe Bedeutung finden? Was, wenn nicht das Vorbild heiliger Menschen, lässt uns erkennen, dass „Menschsein“ kein „biologisches Privileg“ ist, sondern ein Geschenk, dem wir uns würdig erweisen müssen durch mitfühlende Achtsamkeit gegenüber uns selbst und dieser Welt? Auch von diesen Fragen handeln seit 2.500 Jahren die Lehren des Buddha. Ich darf ihnen versichern, dass deren Weisheit ebenso erstaunlich ist wie all unsere moderne Technologie.

Noch ein Gedanke: Achtzig Jahre seit Beginn des Zweiten Weltkriegs … gibt es wirklich nur diese Seite der Geschichte der Menschheit? Eine Geschichte von Macht und Ohnmacht … eine Geschichte, die mit Tränen geschrieben wurde?
Ich bin fest davon überzeugt, dass die wahre Geschichte der Menschheit – viel mehr als wir uns vorstellen können – auch von all den zahllosen Menschen geschrieben wurde, die sich zu allen Zeiten im Kleinen und im Verborgenen um Güte und Wahrhaftigkeit bemüht haben. All ihre unendlich vielen unsichtbaren Taten voller Selbstlosigkeit, Mut, Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit wurden niemals aufgeschrieben, scheinen längst vergessen, haben keinen Gedenktag … aber sie sind es, die all das Gute um uns herum erschaffen haben – unsere lebenswerte Gegenwart. Der Philosoph Emmanuel Levinas nannte dies die „Heilige Geschichte der Menschheit“. Wir alle dürfen durch unseren kleinen und kleinsten Beitrag ein Teil dieser „Heiligen Geschichte der Menschheit“ sein – Christen als Christen, Juden als Juden, Moslems als Moslems, Buddhisten als Buddhisten … und wir alle gemeinsam als Menschen! Es ist unsere eigene Entscheidung.

Bitte erlauben Sie mir, mit einer Anekdote aus der Zeit des historischen Buddha Shakyamuni zu schließen: Als Buddha bei seiner langen, entbehrungsreichen Suche nach Erleuchtung erkannte, wie schwer es werden würde, die Menschen auf dem Weg zu einem friedlichen Herzen zu führen, wollte er aufgeben und zurückkehren in sein Leben als Adeliger. Sein Weg zurück in den heimatlichen Palast führte ihn entlang eines Sees, wo er ein Eichhörnchen beobachtete, das unermüdlich seinen buschigen Schwanz in das Wasser tauchte und dann am Ufer abschüttelte. Buddha fragte das Eichhörnchen: „Was tust du?“ Das Eichhörnchen erwiderte: „Ich leere den See!“ Buddha lachte: „Aber das kannst du niemals schaffen!“ Das Eichhörnchen aber sprach: „Ein Mensch, der wie du mitten auf dem Weg zur Wahrheit aufgegeben hast, kann niemals verstehen, was ich tue.“ Die Legende erzählt, dass Buddha neuen Mut fasste, umkehrte und schließlich höchste Erleuchtung erlangte. Uns allen, die wir noch nicht gelernt haben, mit Eichhörnchen zu sprechen und von ihrer Weisheit und Entschlossenheit zu lernen, möchte ich gern die Worte des großen buddhistischen Meisters Shinjo ans Herz legen. Folgendes sagte er, als er gefragt wurde, ob er wirklich an eine von Frieden erfüllte Welt glaube: „Es geht nicht allein um die Frage, ob Weltfrieden erreicht wird. Es geht darum, im Hinblick auf dieses große Ziel an sich selbst zu arbeiten und das eigene Ich zu polieren. Solches Bemühen macht unser Leben als Menschen, die sich um spirituelles Erwachen bemühen, wahrhaft bedeutsam.“

Priester Andreas Fiol, Shinnyo-En Deutschlan.

Heute vor 80 Jahren begann der zweite Weltkrieg. Die Erinnerung an diesen weckt zweifellos bei jedem Menschen ein unangenehmes Unbehagen aus. Umso wichtiger erscheint es über die Gräuel, Ursachen und die verheerenden Auswirkungen dieses Weltkrieges nachzudenken. Und darüber nachzudenken, wie ein friedliches und glückliches gesellschaftliches Zusammenleben funktionieren kann. Was sind die Voraussetzungen dafür? Welche Hindernisse und Barrieren gibt es? Fragen die es gemeinsam zu stellen und gemeinsam zu beantworten gilt.  Doch heutzutage stirbt die Dialogkultur in unserer Gesellschaft leider immer weiter aus. Dies ist vermutlich auch einer der Gründe dafür, dass Menschen verschiedener Kulturen und Religionen immer weniger Kenntnis voneinander haben und in Folge dessen, dem Anschein nach, kaum mehr Verständnis füreinander besitzen. Ohne richtige Kenntnis vom Anderen und der aufrichtigen Suche nach Verständnis, bleibt das Unbekannte unbekannt, die Distanz zueinander vergrößert sich immer weiter und bildet den Nährboden für Missverständnisse und Misstrauen.
Kontakt und Dialog hingegen bildet die Grundlage um einander kennen zu lernen und erzeugt die Atmosphäre für interreligiöse und interkulturelle Begegnung.

Was bedeutet interreligiöse und interkulturelle Begegnung? Interreligiöse und interkulturelle Begegnung bedeutet, Menschen so wahrzunehmen, wie sie sind, und nicht wie wir sie haben wollen. Interreligiöse und interkulturelle Begegnung bedeutet, dass jeder Mensch mit Würde behandelt werden muss, auch wenn er eine andere Denkweise als ich hat. Interreligiöse und interkulturelle Begegnung bedeutet, dass jeder Mensch heilig ist, unabhängig davon ob er meiner Religion oder überhaupt einer Religion angehört.

Durch einen freundschaftlichen Dialog erhalten wir die Chance unsere Gesellschaft von Missverständnissen zu bereinigen und uns von den Barrieren, welche die Völker voneinander trennen, zu entledigen. Dieser direkte Kontakt zueinander fehlt jedoch leider heutzutage und man verlässt sich immer mehr auf die Berichte und Erlebnisse anderer. Deshalb ist es meiner Auffassung nach heute umso wichtiger, den unmittelbaren Kontakt zu andersdenkenden Menschen aufzubauen, ihn zu pflegen und aufrecht zu erhalten. Für die, welche lieben, gibt es nicht Moslems, Christen, Juden und Buddhisten.
Dies ist ein gutes Beispiel dafür, dass die Essenz des Menschen die Liebe sein muss und nicht Hass und Arroganz. Wenn wir eine friedlichere Welt gestalten möchten, benötigen wir diejenigen, die sich ihren Mitmenschen gegenüber verantwortlich fühlen, solche, die ihre Freude mit anderen teilen und einsichtig sind. Nächstenliebe und Verantwortung sind im Islam untrennbare Bestandteile der Religiosität und zwar in einem Maße, daß niemand sie vernachlässigen oder vergessen darf. Verantwortungsbewusstsein ist demnach nicht nur eine moralische oder religiöse Verpflichtung, sondern es ist ein individuelles und soziales Erfordernis.

Mahatma Gandi sagt: „Eine menschliche Gesellschaft kann es nur geben, wenn diese von den Werten der Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Toleranz und der Nächstenliebe getragen und geordnet wird.“ Also, es gibt keine andere Lösung für den Frieden, als der direkte Kontakt und der aufrichtige Dialog. Und ich finde diese Art Veranstaltungen funktionieren sehr gut und ein deutliches Zeichen dafür ist, dass wir als Vertreter verschiedener Religionen, nicht nur einander verstehen, sondern auch einander lieben und schätzen lernen.
Persische Dichter Hafez sagt: Überall ist das Haus der Liebe, ob Moschee, Kirche oder Synagoge.

Ich danke Herrn und Frau Darboven recht herzlich dafür, dass sie uns die Möglichkeit dieses wunderbaren Dialogs, bei einer Tasse Kaffee ermöglichen!

Iman Dr. M. Razavi Rad, Institut für Human- und Islamwissenschaften, Hamburg.

Aus Glauben zum Frieden – die Religionen in öffentlicher Verantwortung. Römer 12, 18

Liebe Schwestern und Brüder,
immer waren es die Anderen! Wenige Tage nach Beginn des Ersten Weltkriegs stellte sich Hauptpastor Hunzinger auf die Kanzel des Michel, äußerte zunächst seine Erschütterung, dass so etwas wie ein Krieg im 20. Jahrhundert überhaupt noch möglich sei, um dann sofort in nationalistischem Pathos mit dem Finger auf die Anderen zu zeigen, die Deutschland den Krieg aufgezwungen hätten. Ganz ähnlich Adolf Hitler vor dem Reichstag am 1. September 1939: Es waren die Anderen – und nun würde seit dem frühen Morgen „zurückgeschossen“ – und, so fügte der Diktator in bewusster Anlehnung an biblische Überlieferung sinngemäß an, es gelte: Bombe um Bombe, Giftgas um Giftgas. Zwei Tage nach Kriegsbeginn, am Sonntag, dem 3. September 1939, wurde in allen evangelischen Kirchen unserer Stadt und unseres Landes Gottesdienst gefeiert und jede Gemeinde am Ende des Gottesdienstes mit den Worten entlassen: „Gehet hin im Frieden des Herrn“. Nur eine Floskel? Bloßes Ritual?

Auch heute Morgen, am 80. Jahrestag des Kriegsbeginns, wurden unsere Gemeinden wieder mit diesem Ruf in den Alltag und in die Welt gesandt, in der wir alle leben und die wir alle teilen: „Gehet hin im Frieden des Herrn.“
Als vor rund 2000 Jahren der Apostel Paulus einen langen theologischen Brief an die kleine Christengemeinde in der Welthauptstadt Rom schrieb, hat er darin auch über das alltägliche Leben der Gemeinde nachgedacht und einen bemerkenswerten Satz verfasst: „Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“ Und etwas weiter schreibt Paulus: „Wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

Für Christen sind diese Worte Heilige Schrift und somit die Gemeinde, die Kirche eine Gemeinschaft für den Frieden in der Welt und mit der Welt, die die Feindesliebe einschließt und darum von sich aus eigentlich keine Feindschaft zu anderen Menschen kennen sollte. Auch daran will uns der Entlassungsruf am Ende unserer Gottesdienste erinnern, dass jeder von uns, soviel an uns liegt, mit allen Menschen Frieden suche, weil Gott uns seinen Frieden schenkt.
Um Frieden zu beten, weil es so viel Krieg und Unfrieden gibt in unserer Welt, ist ein wichtiger Beitrag der Kirche zum Frieden auf Erden. Meine fromme Großmutter hat mir erzählt, dass sie an jedem Tag des Krieges für sich und vor Gott Martin Luthers Choral gesungen hätte: „Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unsern Zeiten. Es ist doch ja kein anderer nicht, der für uns könnte streiten, denn du, unser Gott, alleine.“ Es war Ausdruck ihres Glaubens und zugleich Bekenntnis ihrer Unfähigkeit, als schwacher Mensch diesem großen Krieg etwas entgegenzusetzen. Darum bat sie den Gott des Friedens um seinen Frieden. Was Paulus mit seinen Worten im Brief an die Gemeinde in Rom getan hat, soll Christenmenschen überall und zu jeder Zeit für das Leben in dieser Welt zu Taten des Friedens ermutigen und dadurch zum Frieden beitragen. Er fängt bei mir an – im Glauben daran, dass Gott ein Gott des Friedens ist, wie er es durch Jesus Christus bezeugt hat; im Glauben daran, dass Gott jeden von uns durch seinen Geist mit diesem Frieden beschenkt und zu diesem Frieden befähigt; und dann in meinem Denken, Reden und Tun.
Jeder einzelne von uns, der sich in der Nachfolge Jesu Christi weiß, und ebenso die Kirche als Ganze muss darum auch verstörend gegenwärtig sein und deutlich die Stimme erheben, wenn Menschen auftreten, die Frieden rufen, aber Spaltung und Hass bringen.  Der Beginn des grauenvollen Vernichtungskrieges vor 80 Jahren und das weitgehende Schweigen der Kirche dazu – sei es aus Angst, sei es möglicherweise auch aus Übereinstimmung mit dem Regime und seiner Ideologie – hat wenige Monate nach dem Krieg bei wichtigen Theologen zu einem Umdenken geführt und zu einem öffentlichen Schuldbekenntnis, in dem es heißt: „Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“

Um die Liebe ging es auch Paulus in seinem Brief an die Römer. Sie ist für ihn der Grund, auf dem der Friede wachsen und blühen kann. Liebe heißt nicht, einfach nur nett zueinander zu sein. Liebe weist uns vielmehr einen moralischen Weg hin zum Urgrund des Guten und des Friedens, also zu Gott.
Aus Liebe Frieden zu halten mit allen Menschen, heißt darum immer auch, uns selbst und diesen Menschen die Güte Gottes zu bezeugen. Das ist gemeint, wenn wir am Ende jedes Gottesdienstes mit den Worten entlassen werden: „Gehet hin im Frieden des Herrn.“ Keine bloße liturgische Floskel, sondern ein hoher, verantwortungsvoller Auftrag – als Kirche und als einzelner Christenmensch für unsere Welt, die sich nach Frieden sehnt.

Amen.

Hauptpastor Alexander Röder, Hauptkirche St. Michaelis, Hamburg.

Ich könnte jetzt alle Stellen zitieren, in denen in der jüdischen Bibel der Frieden erwähnt wird. Wäre das hilfreich und sinnvoll? Ich glaube nicht.
Regeln zum Frieden gibt es keine in der Tora, die Kriegsführung hingegen ist gesetzlich sehr geregelt. Ein Angriffskrieg ist verboten, man darf Krieg nur zu Verteidigungszwecken führen. Bei der Belagerung einer Stadt dürfen keine Obstbäume beschädigt oder gar gefällt werden, damit die Bewohner nach dem Krieg wieder die Möglichkeit haben, sich zu versorgen. Bei einer Belagerung muss eine der vier Seiten der Stadtmauer unbelagert bleiben, damit für die Bewohner eine Fluchtmöglichkeit besteht. Soldaten, die gerade geheiratet haben, sind für ein Jahr vom Kriegsdienst befreit. Soldaten, die gerade einen Weinberg gepflanzt haben, aber noch nichts vom Ertrag genossen haben, sind vom Kriegsdienst befreit. Soldaten, die gerade ein Haus gebaut haben und sich noch nicht daran erfreuen konnten, sind vom Kriegsdienst befreit. Jeder, der Angst hatte, war vom Wehrdienst befreit.

All diese Regelungen waren 2000 Jahre lang sehr theoretisch, denn Juden waren nach der Zerstörung des Königreichs bis zur Gründung des modernen Staates Israel eher selten aktive Teilnehmer an kriegerischen Handlungen, haben aber umso öfter unter den schrecklichen Folgen gelitten. Weltweiter Frieden war das entfernte messianische Ziel und nur wenig wurde unternommen, um die Schrecken des Krieges zu zähmen oder ihn in einen theologischen Rahmen zu setzen. Das Buch Prediger Salomos nimmt eher eine praktische als eine idealistische Sichtweise an „es gibt eine Zeit für Krieg und eine Zeit für Frieden“, wobei Frieden hier zuletzt erwähnt wird.“  Der berühmteste, weil jährlich erinnerte, Krieg den wir in der jüdischen Geschichte kennen, ist der Aufstand der Makkabäer gegen die Griechen. Es wurden hierüber sogar zwei ganze biblische Bücher geschrieben. Den Rabbinern war Krieg allerdings kein angenehmes Thema, zumal in der Situation unter römischer Besatzung und Aufsicht zu stehen. Sie verbannten die Bücher aus dem Kanon der Heiligen Schrift, einzig der katholischen Kirche verdanken wir ihre Überlieferung als Apokryphen. Das Fest, das jährlich der Makkabäer gedenkt, ist Chanuka, das Fest der Wiedereinweihung des Tempels. In Deutschland wird es in letzter Zeit verniedlicht „jüdisches Lichterfest“ genannt. Inhaltlich wird ein eher unwichtiges Lichterwunder im Tempel hervorgehoben, der politische Sieg durch den Krieg wird kaum erwähnt.
Ich brauche aber keine religiösen Schriften und Anweisungen, um mich in jedem Fall für den Frieden zu entscheiden. Meine Eltern haben in ihrem Leben in diesem Land keinen Krieg erlebt, ich habe in meinem Leben in diesem Land keinen Krieg erlebt. Meine Kinder haben in diesem Land keinen Krieg erlebt. Dass drei Generationen hintereinander keinen Krieg selbst erlebt haben, ist in diesem Land wohl noch nie vorgekommen. 75 Jahre Frieden am Stück.

Mein Rabbiner Walter Jacob schreibt: „Krieg und Kriegsgrollen sind uns seit Anbeginn der Menschheit bekannt und ein Teil von uns. Sie sind ein ständiger Begleiter der Menschheit und spielen eine wichtige Rolle in der Geschichte des Judentums, des Christentums und des Islam.“  Damit hat er zweifelsohne Recht, aber das muss nicht für die Zukunft gelten. Krieg hilft nicht weiter, niemals. Das müssen wir verstehen. Die Abwesenheit von Krieg ist aber noch nicht ausreichend. Für meine Ordination habe ich mir einen biblischen Spruch als Ordinationsspruch, quasi als Motto, aussuchen sollen. Dieser wurde dann auf den Talit gestickt, den ich trage: Ssur meRa wa’asse tov, bakesch Schalom werodfehu. Weiche vom Bösen und tue Gutes, suche den Frieden und jage ihm nach. (Ps 34:15)

Ich verstehe dies ein wenig als eine Schritt-für-Schritt Anleitung. Halte dich vom Bösen fern. Wenn das klappt, tue Gutes. Suche den Frieden. Und wenn du ihn erspürt hast, musst du dafür arbeiten, dass er erhalten bleibt. Ich hoffe und bete dafür, dass wir dies verstehen. Unbedingt.

Rabbi Jona Simon, Landesverband der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen.

Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen, Frieden und Segen seien auf unserem geliebten Propheten Muhammad, seiner edlen Familie und seinen rechtschaffenen Gefährten.

as-salamu ‘alaikum wa rahmatullahi wa barakatuh
Friede sei auf Ihnen sowie Gottes Barmherzigkeit und Sein Segen

Frieden ist selbstverständlich ein zentraler Aspekt der islamischen Lehre, wie wir es etwa an der Grußformel ablesen können, die ich gerade verwendet habe. Auch der Name unserer Religion ist ein Beleg dafür. Islām ist sprachlich von derselben arabischen Wortwurzel wie salām abgeleitet – analog zum hebräischen shalom. Diese Wortwurzel beinhaltet Bedeutungen wie: heil, gesund, unversehrt, ganz sein. Insofern kann Islam übersetzt werden mit Hingabe zum Göttlichen, um ganz zu werden.  Aber ist es tatsächlich selbstverständlich? Heutzutage scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Wir als Menschen brauchen dringend Frieden.

Ich würde gern zwei kurze Punkte ausführen wollen, die man überschreiben könnte mit „innerer Frieden“ und „äußerer Frieden“.
1) Der innere Frieden
Was bedeutet Frieden? Ist es das Gegenteil von Krieg oder lediglich dessen Abwesenheit? Von einem religiösen Standpunkt aus betrachtet, muss Frieden weiter gedacht und verstanden werden. Äußerer Frieden ohne Spiritualität und Frieden im Inneren unserer selbst ist unmöglich. Echter Frieden beginnt hier. Der zentrale Glaube im Islam besteht darin, dass Gott einer und einzig ist. Diese beiden Punkte sind gleichbedeutend mit Seiner absoluten Vollkommenheit. So ist Er selbst vollkommener Frieden in Seiner Ganzheit. Wir Menschen jedoch leben in dieser Welt, einer Welt der Partikularität. Die Entfernung von Ihm und Seinem Einssein ist die Ursache für unsere Sorgen, Unruhe und Ängste.

Salam, innerer Frieden, bedeutet also Überwindung jener Hindernisse, die uns davon abhalten, für das Göttliche zugänglich zu sein. Religion im Allgemeinen und Islam im Besonderen fordert uns auf, ruft uns, uns wieder mit Gott zu verbinden, um Nähe zu erlangen. Dies ist letztlich gleichbedeutend mit Ruhe und Glückseligkeit. Aus diesem Grund spricht man im Islam nicht von Glaube, sondern von Iman. Dies bedeutet: sich sicher fühlen, sicher sein. Derjenige, der in sich selbst ruht, sich seines Schöpfers stets bewusst ist und Seiner gedenkt, wird im eigentlichen Sinne Mensch. Er wird so, wie Gott ihn gewollt hat.

Salam ist eine Qualität des Herzens des einzelnen Gläubigen. Es kann dann eine Qualität einer Gemeinschaft und letztlich der Welt werden. Diese Welt hat eine Chance, wenn wir wieder an unser traditionelles spirituelles Erbe anknüpfen.

2) Der äußere Frieden
Frieden hat, wie ich sagte, innere Voraussetzungen, aber es gibt auch äußere. Es ist unmöglich, Frieden ohne Gerechtigkeit herzustellen und zu verwirklichen. Frieden ohne Gerechtigkeit wäre dann nicht viel mehr als ein frommer Wunsch. Wir sollen gemeinsam für den Frieden beten – sicher, das ist gut und wichtig.

Aber wir müssen auch konkrete Maßnahmen ergreifen, die es uns erlauben, ein menschenwürdiges Leben zu führen, welches es uns ermöglicht, unsere Potenziale zu entwickeln. Gebete allein genügen nicht. Gott ruft uns dazu auf, in dieser Welt zu wirken und Zeugen und Botschafter Seiner Gerechtigkeit zu werden – nicht nur gegenüber uns selbst, sondern auch gegenüber unseren Mitmenschen und der Umwelt. Die großen politischen und wirtschaftlichen Player in dieser Welt tragen eine immense Verantwortung und haben eine moralische Pflicht. Sie sind es, die verpflichtet sind, die notwendigen Bedingungen für ein Leben in Würde herzustellen. Ein Leben in Würde nicht nur für einige wenige, sondern für alle.

as-salamu alaikum

Iman Abu Ahmed Jakobi, Fachrat Islamische Studien, Hamburg.